Es war die 4. Etappe der Tour de France und Fernando Gaviria holte den zweiten Sieg für Quick-Step. Etappe 3 war ein Zeitfahren, das wie immer BMC gewann (und wo Quick-Step auch nicht schlecht aussah). Also gehen bisher zwei Drittel aller möglichen TdF-Sprintsiege an die Belgier, die auch schon siegesverwöhnt aus der Klassikersaison kamen. Was macht Quick-Step richtig – oder machen die anderen vieles falsch?

Bei oberflächlicher Betrachtung sieht es so aus, als hätten viele Tour de France-Austragungen ihren Top-Sprinter. Den einen Fahrer, an dem in diesem einen Jahr alle vorbei müssen, die bei Massensprint-Ankünften als erste über die Ziellinie fahren wollen. Man erinnert sich noch an die schiere Dominanz von Mario Cipollini, der bei der Tour 1999 allein 5 Etappen gewann. In dem Fall bleiben die Bilder natürlich auch im Kopf, weil er so ein charismatischer Sprintertyp war, sozusagen der Sagan seiner Zeit, auch was die Brillen angeht (remember Bollé?). Oder an Cipollinis Landsmann Alessandro Petacchi, der 2003 vier Etappen der Tour gewann und im Jahr darauf sogar ganze neun beim Giro d‘ Italia. André Greipel etwa fuhr seine große Tour 2015, als er allein 3 von seinen insgesamt 11 Tour Etappensiegen holte. Und letztes Jahr war es Marcel Kittel, der sich mit fünf Siegen bei Sprintankünften ins Gedächtnis der Tour schrieb.

Dieses Jahr also Fernando Gaviria. Der Kolumbianer von Quick-Step hat zwei von drei möglichen Siegen bei der Tour 2018 in souveräner Manier gewonnen. Sein Sprintertrainer Tom Steels – übrigens einer der Hauptrivalen von Cipollini 1999 – sagte in einem Interview mit Velon über Gaviria, er sei ein Naturtalent und niemand folge seinen Instinkten im Sprint so sehr wie der 23-jährige. Er bezeichnete ihn außerdem als angstfrei und kaltblütig – beides Eigenschaften, die in den hektischen Sprintankünften bei der Tour sehr gefragt sind. Als wichtigsten Baustein fürs Gewinnen nennt Steels in dem Interview aber vorausgegangene Gewinne. Wie Boxer gingen die Sprinter besonders mit einem Sieg in der Tasche mit der nötigen Gelassenheit auf die letzten hunderten Meter. Die gebündelt auftretenden guten Ergebnisse von Sprintern sprechen dafür, dass er recht hat.

Gavirias Gelassenheitskonto war nach dem ersten Etappensieg prall gefüllt. Aber ist das wirklich alles? Ein Blick auf das Finale der 4. Etappe zeigt noch einen anderen, mindestens genauso wesentlichen, vielleicht sogar noch wichtigeren Faktor: Gaviria wird von Anfahrer Maximiliano Richeze perfekt vor der Ziellinie abgeliefert. Das Team selbst spricht in einer Mitteilung von einem „unwirklichen Abliefern über 400 m“. Gavirias größte Widersacher sind der spätere Dritte, André Greipel, und Peter Sagan. Greipel kämpft aber auf sich allein gestellt rechts im Gegenwind und verliert zum Schluss an Tempo. Sagan hüpft geschickt von Windschatten zu Windschatten (und fährt dabei – nebenbei gesagt – eine ziemliche Welle). Sagan kommt zum Schluss dadurch auf, aber nicht vorbei, auch, weil er einfach einen längeren Weg machen muss.

Wenn Sky das Bayern München der Bergetappen ist, dann ist Quick-Step derzeit das Real Madrid der Sprintankünfte

Das Anfahren des Sprints, der perfekt organisierte Sprinterzug, das ist vielleicht der entscheidende Schlüssel zum Erfolg von Quick-Step. Wenn Sky das Bayern München der Bergetappen ist, dann ist Quick-Step derzeit das Real Madrid der Sprintankünfte. „Ich zahle Geld (für den Sprinterzug) – für die besten Radfahrer und sie an den richtigen Ort zu bringen, um ihren Job zu machen, das ist es, was wir machen“, sagte Quick-Step Team-Manager Patrick Lefevre dazu bei der Tour of California gegenüber Velonews. Dass seine Mannschaft bei der Tour of California mit Gaviria ebenso wie beim Giro d’Italia mit Viviani viele Sprintankünfte kassierte, wäre in dieser Sprechweise der Kassenbeleg für die Investition.

Und Quick-Step macht noch mehr. Im Windtunnel von Specialized haben die Belgier, die sich selbst als „Wolfsrudel“ bezeichnen, den Sprintzug aerodynamisch optimiert. In einem Video dazu erklärt Anfahrer Richeze, dass er es „vorzieht“, bei 400 bis maximal 500 m vor der Ziellinie die Führung zu übernehmen. Er beschleunigt dabei auf bis zu 69 km/h und leistet bis zu 1.300 Watt. Dabei spart Gaviria 416 Watt, so lange wie Richeze ihm bei 65 km/h Windschatten gibt (was Gaviria offenkundig nicht tief bewegt). Im Video kommen zwar nur zwei Fahrer vor, aber es ist bekannt, dass verschiedene Positionen des Sprinterzuges unter Aero-Aspekten ausgetestet wurden.

Im Peloton scheint sich schon eine Art Stillhalte-Abkommen gegen das belgische Team zu formieren. Jedenfalls beschwerte sich Quick-Step Sportdirektor Brian Holm gegenüber Radsportnews, dass sich die anderen Teams zu sehr aus der Führungsarbeit heraushielten.

Die heutige 5. Etappe der Tour der France wird gerne als „Mini-Amstel“ oder „Mini-Liège-Bastogne-Liège“ bezeichnet und bietet mit engen Straßen und vielen kleinen Hügeln ebenfalls ein Terrain, das wie für Quick-Step gemacht scheint. Mal sehen…

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Fotos: Tim de Waele / Getty Images

Über den Autor

Jan Gathmann

Jan Gathmann leitet die Rennrad-News Redaktion von Wuppertal aus, der Stadt, die ihr Radstadion dem Fußball opferte. Er testet, interviewt und versucht Renngeschehen in Worte zu fassen. Jan ist gelernter Journalist, testet seit 20 Jahren Fahrräder (davor Autos) und schreibt darüber ebenso gerne wie über Menschen aus der Fahrradwelt, unter anderem schon für Trekkingbike, Velomotion und zuletzt beim RADtouren-Magazin. Er fährt am liebsten alles, was einen Rennbügel hat: vom Bahnrad bis zum Monster-Gravelbike. Jan liebt auch Schlamm, weshalb er gelegentlich auf dem MTB gesehen wird. Persönliche Palmarès sind ein beendetes C-Klasse Amateurrennen und ein 10. Platz bei einer Deutschen Fahrradkurier-Meiserschaft in Berlin.

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