In einer Woche geht John Degenkolb mit der Mannschaft Trek-Segafredo an den Start der Tour de France. Vorher hat der Klassikerjäger und Sprinter noch Gelegenheit, sich das Deutsche Meister-Trikot überzustreifen. Über seine Ziele und Gefühle für beide Rennen und noch etwas mehr hat Rennrad-News mit „Dege“ gesprochen.

RN: Wo bist Du jetzt, schon in Einhausen?
Dege: Nein, ich bin noch zuhause. Es ist ja nicht so weit weg, es ist eine gute Gelegenheit, die Zeit mit meiner Familie zu genießen.

Kennst Du den Kurs?
Ich bin ihn noch nicht abgefahren. Er hat keine besonderen Schwierigkeiten, wie man hört, natürlich habe ich mit anderen darüber geredet. Eine Autobahnbrücke, aber ansonsten weitgehend flach.

Team Sauerland steht mit 13 Fahrern am Start, Bora-Hansgrohe mit 7, André Greipel hat Marcel Sieberg. Du bist alleine. Spielt das eine Rolle im Rennen?

Man kann eine nationale Meisterschaft nicht so direkt mit anderen Rennen vergleichen. Es ist schon so, dass eine DM immer einen herausragenden Charakter hat. Da passieren Dinge, die man bei einem World Tour Rennen sicherlich nicht vermuten würde. Vermeintlich schwache Teams können etwas ausrichten, gerade wenn es flach ist. Letztes Jahr ging es direkt von vorne los und es wurde vorsortiert. Es wird auf jeden Fall spannend. Es sind ja trotz allem 235 km insgesamt, da gehen manchem schon die Akkus aus, wenn man nicht gewohnt ist, damit umzugehen. Unter Umständen muss man auch mal attackieren.

Du stehst mit der Nummer 8 am Start, wie willst Du es schaffen, nächstes Jahr die Nummer 1 zu tragen?
Das muss ich am Renntag entscheiden. Eine Attacke macht nur Sinn, wenn man sich richtig gut fühlt und dann auch was daraus machen kann. Auf dem Papier habe ich gegen Andrè (Greipel) und Marcel (Kittel) nicht die besten Karten. Aber ich fühle mich richtig gut und habe ein positives Gefühl.

Also alle hinter Kittel und Greipel her?
Nein, wie gesagt, eine Meisterschaft ist anders. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Fahrern, die das Zeug zum Gewinnen haben und in der World Tour schon gewonnen haben: Pascal Ackermann, Phil Bauhaus, Max Walscheid zum Beispiel. Interessant wird sein, wie Sunweb, Katusha-Alpecin und Bora-Hansgrohe, die alle große Teile der Mannschaft am Start haben, mit der Situation umgehen. Setzen sie alles auf einen Sprint oder fahren sie offensiv? Wenn sie offensiv fahren, muss ich aufpassen, dass ich in der Fluchtgruppe dabei bin. Sonst heißt es: „Wir haben vorne alle einen, wir fahren nicht mehr“.

In einer Woche startet die Tour de France. Bist Du dabei?
Ja, ich bin dabei. Unser Fahrer für das Gesamtklassement ist Bauke Mollema, den wir natürlich möglichst weit nach vorne bringen wollen. Aber wir gehen auch auf Etappenjagd mit Jasper Stuyven und natürlich mit mir. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass man bei der Tour von Tag zu Tag planen muss. Viel hängt davon ab, wie wir beim Mannschaftszeitfahren abschneiden.

Was ist Deine Lieblingsetappe bei der Tour?
Schwer zu sagen, am Ende schon die Etappe nach Roubaix. Bauke muss den Tag überleben, darum geht es es auch. Wir werden uns gegenseitig unterstützen. Ich freue mich auf Roubaix. Das ist halt was Außergewöhnliches. Ich bin ja auch schon einmal Zweiter geworden auf einer ähnlichen Tour-Etappe. Aber dieses Jahr ist es härter. Sie haben 15 Pavé Stücke reingenommen, was richtig krass ist. Das ist schon ’ne Hausnummer. Gerade für die klassischen Bergfahrer: Die würden lieber noch eine handvoll Berge mehr fahren, als auf dem Kopfsteinpflaster hin und her zu springen.
Die Etappe ist deshalb mit dem normalen Klassiker nicht zu vergleichen. Es ist viel nervöser. Alle wissen, dass Froome dort schon einmal die Tour verloren hat. Das wird von Anfang an Vollgas.

Du wurdest schon als „stylischster Radfahrer“ Deutschlands tituliert. Bis Du in dieser Hinsicht froh, für Trek-Segafredo zu fahren?
Öhm, ja! Trek ist für mich die absolut passende Marke, sowohl was die Räder angeht, als auch, was die gesamte Präsentation des Teams angeht. Die Wertigkeit der Räder spiegelt sich in allem wider – auch im Design. Ich habe ja so gar ein personalisiertes Bike bekommen – das ist noch mal geiler!

Welche Trikots könnte Dir noch gut stehen?
Ich bin gerade jetzt und hier total glücklich in der Mannschaft. Das passt alles!

Man sieht Dich auf Deiner – ebenfalls sehr stylischen Webseite – als Mann mit Motorrad-Hobby. Wie sieht es mit Rennrad mit Motor aus, ich meine Pedelec. Hast Du eine Haltung dazu?
Motordoping? Das geht gar nicht…

…ich meinte legale Rennrad-Pedelecs, es gibt ja immer mehr davon.
Also E-Bikes. Ich finde, der Radsport kann vom E-Bike-Boom profitieren. Es sind einfach mehr Leute, die zum Radfahren kommen, und sich dann vielleicht auch für den Radsport interessieren – mehr Breite. Die Leute können relativ easy auf den Feldberg (im Taunus, nahe an Johns Wohnort, Frankfurt) fahren. Leute, die das sonst nicht könnten, können das Gefühl von Freiheit genießen, das ich auch am Rennradfahren so sehr mag.
Auf der anderen Seite muss man darauf achten, dass das normale Rennrad auch noch benutzt wird. Ein Beispiel, um zu verstehen, was ich meine: Es gibt Leute, die machen eine Alpenüberquerung mit dem E-Bike oder Motorrad. Man hält oben an und isst einen Kaiserschmarrn. Aber wenn ich mit dem Fahrrad hochgefahren bin, schmeckt es besser. Für mich schmeckt es jedenfalls besser – das Gefühl etwas mit eigener Kraft geschafft zu haben, das gehört für mich dazu. Das sollte man den Leuten nicht nehmen.

Was wäre Dein nächster großer Traumgewinn?
(Wie aus der Pistole geschossen) Nochmal ein Monument gewinnen. Wenn es mir gelingen sollte, wäre auch ein Etappengewinn bei der Tour unfassbar.

Flandernrundfahrt?
Natürlich auch ein tolles Rennen, aber das schönste wäre, nochmal Paris-Roubaix zu gewinnen. Das hat schon Charme!

Wir danken Dir für das Gespräch!

Foto: Degenkolb/bettiniphoto
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