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Der "Doping in anderen Sportarten" Thread

Reiner_2

Aktives Mitglied
... Ist der Radsport deshalb immer der Übeltäter Nummer eins, weil es vor über 20 Jahren eine Zeit gab, wo man ihn quasi gar nicht "wahr" genommen hat? Er war nicht populär, eigentlich so ein richtiges Schmuddelkind unter den Sportarten. Irgendwie gab es immer nur Fußball ...
Wie die meisten Verschwörungstheorien leidet auch Deine "Diagnose" unter fehlendem Bezug zur Wirklichkeit. Vor 22 Jahren hat Jan Ullrich die Tour de France gewonnen. Da gab es den großen Hype um Telekom, Radsport war medial in Deutschland ganz groß und hoch angesehen. Jeder zweite Freizeitradler ist mit einem Magenta-Trikot durch die Gegend gefahren und die Werbewirtschaft hat den "Radsporthelden" die Bude eingerannt. Von wegen "Schmuddelkind unter den Sportarten". Da haben sich sogar Bundesminister im Ansehen von Ullrich, Zabel, Bölts etc. sonnen wollen. Davor waren in den 60er-Jahren Altig und in den 70ern Thurau die großen Helden und in der öffentlichen Wahrnehmung alles andere als Schmuddelkinder. Da wollen wir von Frankreich, Belgien, Italien gar nicht reden, wo Radsport immer eine hoch angesehene Sportart war.

Den schlechten Ruf hat sich der Radsport schon selbst erarbeitet. Und um ehrlich zu sein, nach dem, was in den letzten Jahrzehnten alles vorgefallen ist, ist der Ruf derzeit doch eigentlich besser als er sein dürfte. Die Tour und der Giro sind immer noch höchst erfolgreiche Sportveranstaltungen, was nicht selbstverständlich ist. Und dass die Thuraus, Ullrichs, Zabels in Wirklichkeit durchaus Schmuddelkinder waren, ist eigentlich erst einmal gründlich verdrängt worden. Solange die erfolgreich waren, hat kein Aas danach gefragt, mit welchen Methoden ihre Erfolge erzielt wurden. Nicht die missgünstige Journaille oder gar die bösen Fußballer haben deren Ruf ruiniert, das haben die schon selbst zustande gebracht.
 
Zuletzt bearbeitet:

christ32

Aktives Mitglied
kann es sein das der schlechte Ruf des Radsports eher eine sehr deutsche Sicht ist und das andere Nationen ganz anders darüber denken ?

ich denke das in den klassischen Radsportländern wie Frankreich, Spanien oder Italien eine ganz andere Sicht der Dinge herrscht. Die sind einfach radsportbegeistert, Doping hin oder her. Denen ist es Rille ob die Fahrer gedopt haben oder nicht.
 

CYJU

Aktives Mitglied
@christ32

Ja, GENAU SO ist es, und das meinte ich auch, daß wir - also Deutschland - seinerzeit noch nicht "reif" für den Profi-Radsport waren. Es handelt sich in der Tat um eine typisch deutsche Sicht, leider.....

In anderen Ländern, wo Radsport seit jeher etabliert ist...wie z. B. Spanien, Italien, Frankreich, werden selbst bekannte Doping-Sünder wie Helden verehrt. Nur bei uns werden sie ans Kreuz genagelt.

@Reiner_2

Ich sehe das nach wie vor anders als Du. Was vor Jahrzehnten Rudi Altig oder Didi Thurau an Radsportbegeisterung hervorgerufen haben, kann man mE nicht mit der Zeit von Ulle vergleichen.

Und na klar hat sich Rudolf Scharping damals im Glanz von Ullrichs Tour Sieg gesonnt, dieser [***]. Ich zensiere mich jetzt mal selbst, das ist auch so einer von der scheinheiligen Sorte.....
 

ToujourLamour

Aktives Mitglied
Kriegsminister? :)



Zumindest in Spanien und Frankreich wird man als Radfahrer mit etwas mehr Rücksicht vom motorisierten Verkehr behandelt. Das mag an den Schildern liegen (Mindestabstand 1,5m, in Spanien zusätzlich mit entsprechendem Paragraf), oder kulturelle Gründe haben.

Das nur der Radsport damals so verteufelt wurde, könnte mehrere Zusammenhänge haben. Sich nach dem Radsport auch noch den Fußball und eigentlich alle Sportarten kaputt zu schreiben dürfte ja nicht so sehr im Interesse der Konzernmedien liegen. Fuentes (der Dopingarzt) hatte damals ja gesagt, daß er neben Radsportlern auch Fußballer, Leichtathjlethen, Tennisspieler etc. auf der Kundenliste hatte.

Nun ist das spanische Rechtssystem in der Praxis aber eher politisch als hier in Deutschland oder auch in anderen Ländern. Gleichzeitig ist die Idolfunktion von Spitzensportlern dort besonders stark ausgeprägt. Insofern war der politische Wille zur Aufklärung nicht vorhanden und nebenbei geht es ja auch um viel Geld im Sport, und zwar nicht nur für die Medien.

Es gibt die Verschwörungstheorie (u.A. von Stéphane Mandard, Sportchef "Le Monde" verbreitet), daß Fuentes der spanischen Justiz gedroht hatte, im Falle einer Verurteilung seine gesamte Kundenliste zu veröffentlichen, weshalb die "Operacion Puerto" als neuer Skandal im Radsport verkauft werden musste, um andere Sportarten zu kaschieren. Das Büro von Fuentes wurde nie durchsucht, obwohl / weil jedem klar gewesen sein sollte, daß man dort Akten zu anderen Sportlern geunden hätte.

Das der Radsport sich das ganz allein eingebrockt halte ich für zu einseitig betrachtet.

Zum Schluss noch eine Anekdote von meinem Fahrradhändler, einem Triathlet, dessen Abneigung gegen Doping hinlänglich bekannt war. Nie wollte jemand mit ihm ein Zimmer teilen, deshalb. Als er Down Under beim Iron Man den 3. Platz machte, wurde der Co-Kommentatr auf ihn angesprochen, ein Trainer, der ihn (deshalb?) wegen "mangelnder Leistungsbereitschaft abgelehnt hatte, und dann etwas über "unorthodoxe Trainingsmethoden" stammelte.

Doping sehe ich vielmehr als ein systemisches Problem im Spitzensport, denn wo der Trog ist sammeln sich die Schweine. Trotzdem schön, daß Spitzensportler davon leben können...
 

christ32

Aktives Mitglied
Es gibt die Verschwörungstheorie (u.A. von Stéphane Mandard, Sportchef "Le Monde" verbreitet), daß Fuentes der spanischen Justiz gedroht hatte, im Falle einer Verurteilung seine gesamte Kundenliste zu veröffentlichen, weshalb die "Operacion Puerto" als neuer Skandal im Radsport verkauft werden musste, um andere Sportarten zu kaschieren. Das Büro von Fuentes wurde nie durchsucht, obwohl / weil jedem klar gewesen sein sollte, daß man dort Akten zu anderen Sportlern geunden hätte.
die Theorie klingt glaubhaft, Polizei und Staatsanwaltschaft mussten damit rechnen das sie möglicherweise die Büchse der Pandorra öffnen.
Wahrscheinlich musste Fuentes nicht mal drohen, allzu groß wird der Aufklärungswille nicht gewesen sein. Je größer der Skandal, umso größer auch der Schaden für alle am Sport Beteiligten.
 

pjotr

Radprofi, gefangen im Körper einer Hobbylusche
kann es sein das der schlechte Ruf des Radsports eher eine sehr deutsche Sicht ist und das andere Nationen ganz anders darüber denken ?

ich denke das in den klassischen Radsportländern wie Frankreich, Spanien oder Italien eine ganz andere Sicht der Dinge herrscht. Die sind einfach radsportbegeistert, Doping hin oder her. Denen ist es Rille ob die Fahrer gedopt haben oder nicht.
Das ist gelinde gesagt Quatsch. Mag schon sein, dass man in anderen Ländern tendenziell etwas eher bereit ist, "gefallenen Helden" wie Dopern mit einer gewissen Sympathie zu begegnen. Wer sich ein bisschen mit der Materie befasst, wird allerdings feststellen, dass man in Frankreich und Italien viel früher mit staatlichen Instrumenten gegen Doping vorgegangen ist, als etwa in Deutschland. Als es in Deutschland keinerlei rechtliche Grundlage für so etwas gab, haben in Italien Polizisten Pantani wie einen Schwer-Verbrecher abgeführt, als er 99 in Madonna di Campiglio aus dem Giro flog (man darf wohl ohne Übertreibung behaupten, dass dieser Tag der Anfang vom tragischen Ende von Pantani war) und in Frankreich stand z.B. Virenque wegen Dopingvergehen vor Gericht.
Die ersten gesetzlichen Bemühen gegen Doping etwas zu tun gehen in Frankreich zurück bis in die 60er Jahre und es gibt in Frankreich auch Teile der Öffentlichkeit, die die Tour de France wegen der ständigen Doping-Probleme am liebsten für alle Zeit beerdigt hätten - vertreten durchaus auch in der bürgerlichen Presse. In Deutschland hat man dagegen bis vor 10/15 Jahren vielfach noch geglaubt, gegen Doping etwas mit dem Arzneimittelrecht tun zu können ...

Marc Madiot konnte seinen FDJ-Rennstall in den Nuller-Jahren dieses Jahrtausends nur dadurch retten, dass er einen Deal mit seinem Sponsor einging: Die staatliche Lotterie FDJ gab weiter Geld unter der Auflage, dass keinesfalls gedopt werden dürfe, auch wenn das bedeutet hat, auf internationaler Ebene bei großen Rundfahrten faktisch nicht konkurrenzfähig zu sein. Ein Skandal hätte das Ende des Teams bedeutet, das konnte sich der Sponsor, die staatliche Lotteriegesellschaft, nämlich schlicht nicht leisten. Während dieser Zeit hat der ehem. Staatskonzern Telekom noch fröhlich Rudy Pevenage und seine fahrende Apotheke namens Team Telekom finanziert, die btw. auch noch von Wissenschaftlern der bekanntlich mit Staatsknete finanzierten Uni Freiburg unterstützt wurden beim Dopen,

Aus dieser Zeit stammt der in Frankreich geprägte Begriff des "Radsports der zwei Geschwindigkeiten". Auf der einen Seite die Armstrongs, Contadors, Ullrichs, Klödens und Winos, alle "Hackebreit", auf der anderen Seite die Franzosen. Die waren auch nicht alle sauber, unterlagen aber einem viel schärferen Doping-Kontrollsystem als Fahrer aus anderen Ländern - und fuhren deswegen hinterher.

Der wesentliche Unterschied zwischen Deutschland und den klassischen Radsportländern ist, dass man dort schon lange wusste, dass Rad- und andere Spitzensportler häufig dopen, ein Umstand, über den man in Deutschland gerne hinweggesehen hat, wenn es um die eigenen Sportler ging. Als dann klar wurde, wie groß der Sumpf war, haben sich Teile der deutschen Öffentlichekit dann eben gegenüber Radsportlern verhalten, wie störrische Kinder, denen man die Illusion vom Christkind genommen hat und die deswegen ihr Spielzeug kaputt machen.
 

Flat Eric

Machen ist wie wollen , nur krasser .
Doping ist da , wird bleiben..
Als Trost könnte man den Begriff "Sport" ja mal von der kindlichen Vorstellung das wäre etwas ehrenhaftes , sauberes , ehrliches befreien , und einfach Verkaufsveranstaltung mit Showcharakter einsetzen , jedenfalls im oberen Bereich .
 

christ32

Aktives Mitglied
Die ersten gesetzlichen Bemühen gegen Doping etwas zu tun gehen in Frankreich zurück bis in die 60er Jahre und es gibt in Frankreich auch Teile der Öffentlichkeit, die die Tour de France wegen der ständigen Doping-Probleme am liebsten für alle Zeit beerdigt hätten - vertreten durchaus auch in der bürgerlichen Presse. In Deutschland hat man dagegen bis vor 10/15 Jahren vielfach noch geglaubt, gegen Doping etwas mit dem Arzneimittelrecht tun zu können ...
Ich muss gestehen das ich mich zur damaligen Zeit nicht für den Radsport interessiert hatte und nur in den Nachrichten hin und wieder davon gehört hatte. Ist den in den Krisenjahren die Radsportbegeisterung merklich zurück gegangen und die Fahrer quasi auf einer leeren Strecke ohne Fans gefahren ?
 

Liebertson

Aktives Mitglied
Das ist gelinde gesagt Quatsch. Mag schon sein, dass man in anderen Ländern tendenziell etwas eher bereit ist, "gefallenen Helden" wie Dopern mit einer gewissen Sympathie zu begegnen. Wer sich ein bisschen mit der Materie befasst, wird allerdings feststellen, dass man in Frankreich und Italien viel früher mit staatlichen Instrumenten gegen Doping vorgegangen ist, als etwa in Deutschland. Als es in Deutschland keinerlei rechtliche Grundlage für so etwas gab, haben in Italien Polizisten Pantani wie einen Schwer-Verbrecher abgeführt, als er 99 in Madonna di Campiglio aus dem Giro flog (man darf wohl ohne Übertreibung behaupten, dass dieser Tag der Anfang vom tragischen Ende von Pantani war) und in Frankreich stand z.B. Virenque wegen Dopingvergehen vor Gericht.
Die ersten gesetzlichen Bemühen gegen Doping etwas zu tun gehen in Frankreich zurück bis in die 60er Jahre und es gibt in Frankreich auch Teile der Öffentlichkeit, die die Tour de France wegen der ständigen Doping-Probleme am liebsten für alle Zeit beerdigt hätten - vertreten durchaus auch in der bürgerlichen Presse. In Deutschland hat man dagegen bis vor 10/15 Jahren vielfach noch geglaubt, gegen Doping etwas mit dem Arzneimittelrecht tun zu können ...

Marc Madiot konnte seinen FDJ-Rennstall in den Nuller-Jahren dieses Jahrtausends nur dadurch retten, dass er einen Deal mit seinem Sponsor einging: Die staatliche Lotterie FDJ gab weiter Geld unter der Auflage, dass keinesfalls gedopt werden dürfe, auch wenn das bedeutet hat, auf internationaler Ebene bei großen Rundfahrten faktisch nicht konkurrenzfähig zu sein. Ein Skandal hätte das Ende des Teams bedeutet, das konnte sich der Sponsor, die staatliche Lotteriegesellschaft, nämlich schlicht nicht leisten. Während dieser Zeit hat der ehem. Staatskonzern Telekom noch fröhlich Rudy Pevenage und seine fahrende Apotheke namens Team Telekom finanziert, die btw. auch noch von Wissenschaftlern der bekanntlich mit Staatsknete finanzierten Uni Freiburg unterstützt wurden beim Dopen,

Aus dieser Zeit stammt der in Frankreich geprägte Begriff des "Radsports der zwei Geschwindigkeiten". Auf der einen Seite die Armstrongs, Contadors, Ullrichs, Klödens und Winos, alle "Hackebreit", auf der anderen Seite die Franzosen. Die waren auch nicht alle sauber, unterlagen aber einem viel schärferen Doping-Kontrollsystem als Fahrer aus anderen Ländern - und fuhren deswegen hinterher.

Der wesentliche Unterschied zwischen Deutschland und den klassischen Radsportländern ist, dass man dort schon lange wusste, dass Rad- und andere Spitzensportler häufig dopen, ein Umstand, über den man in Deutschland gerne hinweggesehen hat, wenn es um die eigenen Sportler ging. Als dann klar wurde, wie groß der Sumpf war, haben sich Teile der deutschen Öffentlichekit dann eben gegenüber Radsportlern verhalten, wie störrische Kinder, denen man die Illusion vom Christkind genommen hat und die deswegen ihr Spielzeug kaputt machen.
Pjotr rettet die Schreibfaulen. Danke!

Wie man sieht, Fakten werden auch in dieser Diskussion geflissentlich ignoriert. Es herrschen die gefühlten Wahrheiten.
 

pjotr

Radprofi, gefangen im Körper einer Hobbylusche
Ich muss gestehen das ich mich zur damaligen Zeit nicht für den Radsport interessiert hatte und nur in den Nachrichten hin und wieder davon gehört hatte. Ist den in den Krisenjahren die Radsportbegeisterung merklich zurück gegangen und die Fahrer quasi auf einer leeren Strecke ohne Fans gefahren ?
In Frankreich waren immer viele Zuschauer an der Strecke aber die kamen und kommen nicht allein wegen den Sportlern. Die Tour ist in Frankreich Kulturgut, deswegen kommen die Leute an die Strecke. Außerdem gibt es mit der Werbekarawane eine Art Unterhaltungsprogramm. Es gibt ausserdem Umfragen, nach denen rund die Hälfte der Fernsehzuschauer vorwiegend wegen der Bilder von Landschaft, Städten und Kulturgütern einschalten. Ohne diese Mechanismen wäre die Tour vielleicht längst tot. Prudhomme und seine Vorgänger haben sich auch immer bemüht, die Tour von den Sportlern gedanklich "abzutrennen", z. B. Mit Sätzen wie dem, dass die Tour grösser sei als ihre Protagonisten.
 
Zuletzt bearbeitet:

joaquin

Aktives Mitglied
Hinzu kommt, dass die Franzosen nicht wie in Deutschland nur den Sieger bejubeln. Während Ullrich, als er seinen Triumph nicht mehr wiederholen konnte, schnell als fett und faul abgestempelt wurde, war in Frankreich ein Poulidor immer viel beliebter als der Seriensieger Anquetil. Und so bleibt die Tour in Frankreich populär, obwohl seit Jahrzehnten kein Franzose mehr gewonnen hat - in Deutschland undenkbar.
 

pjotr

Radprofi, gefangen im Körper einer Hobbylusche
Und noch ein Nachtrag. Wer sich für die Historie und den Stellenwert der Tour in Frankreich interessiert, dem kann ich wärmsten den 1962 produzierten absolut sehenswerten Dokumentarfilm "Vive le Tour" ans Herz legen. Der befasst sich schon damals auch mit dem Thema Doping und zeigt auch die Schattenseiten des Geschäfts. Der Sprecher in dem Film ist glaube ich Jean Bobet, der Bruder von Louison.

 

CYJU

Aktives Mitglied
@pjotr

Danke für Deine Informationen.

Hm, vielleicht ist ein Aspekt bei meinem Posting auf der vorigen Seite nicht so richtig heraus gekommen. Mir ging es nicht (nur) um das zwiegespaltene Verhältnis, was Deutschland mit seinen Radsportlern hat, sondern auch - und vor allem - um die allseits vorhandene Heuchelei, die sich im Dopingsumpf manifestiert hat.

Auf der einen Seite wollen die Leute etwas geboten bekommen, aber auf der anderen Seite scheint nicht klar zu sein, um WAS es sich beim Profi-Radsport überhaupt handelt. Es ist mMn die anstrengendste Sportart überhaupt, und wenn erwartet wird, daß bei Etappen ein Schnitt über 40 km/h gefahren wird, dann sollte einem doch klar sein, daß das nicht mit Wasser und Brot zu bewerkstelligen ist.

Nochmal deutlich:

Ich sanktioniere Doping nicht, aber mich regt diese Scheinheiligkeit und das Pharisäertum gewisser Leute auf. So zu tun, als ob man nichts davon wüßte, es sozusagen vollkommen ausblendet, und wenn dann doch ein Fahrer erwischt wird, wird ein Gedöns gemacht, als ob er wer weiß was verbrochen hätte. Und die, die sich vorher in seinem Glanz gesonnt haben (siehe das Beispiel mit Rudolf Scharping) wenden sich ab und sind voll die Empörten. Genau DAS finde ich noch weit kritikwürdiger als das Doping an sich.

Und solche Pharisäer sind auch heute noch in Positionen, wo man nur den Kopf schütteln kann. Andererseits ist es natürlich auch so, daß, wenn es im Radsport bei den Verantwortlichen keine echte Bereitschaft dazu gibt, etwas zu ändern, die weitere Entwicklung nichts Gutes verheißt. Der Fisch stinkt ja idR immer vom Kopf her. Wohl wahr.....
 

pjotr

Radprofi, gefangen im Körper einer Hobbylusche
Ich glaube du verwechselst Ross und Reiter: Kein Zuschauer will unbedingt einen 40er-Schnitt sehen oder erwartet, dass Passtraßen mit Kletterleistungen von 1700m/h erklommen werden. Die Motivation zum Dopen ist nicht die Erwartungshaltung irgendwelcher Zuschauer, denen ist überwiegend egal, wie schnell gefahren wird. Wenn alle Sauber wären und deswegen 2km/h langsamer fahren würden,. wäre kaum ein Zuschauer weniger zufrieden.

Der Anreiz zum Dopen im Profisport ist nicht, schnell zu fahren um den Zuschauern etwas zu bieten, sondern sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz zu sichern oder wenigenstens keinen Wettbewerbsnachteil zu erleiden, um daruch Einkommen zu erzielen und zu maximieren. Vor dem Hintergund halte ich die Aussagen, dass die Verantwortlichen die Bereitschaft haben müssten, etwas zu ändern oder "der Fisch am Kopf stinke", für höchst fragwürdig. Wie Rudolf Scharping oder die gesamte BDR Spitze zum Thema Doping steht wird faktisch am Grundproblem wenig ändern. Das ist nämlich nicht, dass Rudi sich gerne mit erfolgreichen Profis fotografieren lies, sondern ein ökonomisches Anreizproblem: Weil einem das höhere Erträge beschert (z.B. über höher dotierte Verträge mit Teams und Sponsoren), lohnt es sich zu dopen, jedenfalls solange, wie die Gefahr erwischt zu werden klein genug ist. Das ist am Ende eine ganz einfache Abwägung zwischen Risiken und möglichen Erträgen, die nicht auf den Profisport beschränkt ist, sondern Teil des normalen Wirtschaftssystems!

Wenn man sich verdeutlich, dass Fahrer, denen man die Rolle eines GT-Kapitäns zutraut zu den Top-Verdienern gehören (und zwar durchaus auch im Vergleich zu anderen Sportarten, Fugelsang soll für eine mögliche Vertragsverlängerung bei Astana 4,2 Euro p.a. gefordert haben), sollte klar sein, dass es ebenso verlockend wie lohnenswert erscheint, darüber nachzudenken, wie man seine Leistung steigern kann und wie groß die Risiken sind, erwischt zu werden - und zwar selbst dann, wenn dem Sportler, der sich fürs Dopen interessiert, völlig klar ist, dass Dopen, wenn es entdeckt wird, ausgesprochen schädlich für den Sport ist, den er betreibt, sein Team und seine Kollegen in Schwierigkeiten bringen kann, zum Abspringen von Sponsoren führen kann etc.

Was man der deutschen Öffentlichkeit freilich vorwerfen kann ist, dass sie in einer "moralischen Blase" lebt, in der die Frage nach ökonomischen Anreizen gar nicht erst gestellt wird, sondern mit der moralischen Keule operiert wird. Das ist aber natürlich ausgesprochen bequem ...
 

ronde2009

Aktives Mitglied
Der Scharping war o.k. Der ist auf alle möglichen Radsportveranstaltungen gefahren um da Hobbyfahrer zu ehren als die Medien in Deutschland die Übertragungen gestoppt haben. Alle haben den belächelt als er für den BDR sich hingestellt hat zu einer Zeit wo die den BDR noch nicht mal mit der Kneifzange angefasst hätten.
 

CYJU

Aktives Mitglied
@all

Eure Argumente haben etwas für sich, insbesondere das, was Du, pjotr, gepostet hast, das räume ich ein.

Bei einigen Sachen stimme ich nicht zu, hier zum Beispiel:

.......
Der Anreiz zum Dopen im Profisport ist nicht, schnell zu fahren um den Zuschauern etwas zu bieten, sondern sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz zu sichern oder wenigenstens keinen Wettbewerbsnachteil zu erleiden, um daruch Einkommen zu erzielen und zu maximieren. Vor dem Hintergund halte ich die Aussagen, dass die Verantwortlichen die Bereitschaft haben müssten, etwas zu ändern oder "der Fisch am Kopf stinke", für höchst fragwürdig. Wie Rudolf Scharping oder die gesamte BDR Spitze zum Thema Doping steht wird faktisch am Grundproblem wenig ändern. ...
Bei dem Argument, daß vor allem gedopt wird, um einen Wettbewerbsvorteils ggü. anderen Fahrern zu haben, bin ich bei Dir, da war meine Ansicht nicht richtig. Aber ich sehe nichts Fragwürdiges darin, jemanden, der sein Fähnchen nach dem Wind dreht, als scheinheilig bzw. "Pharisäer" zu titulieren. Mir ist es in diesem Zusammenhang vollkommen wurscht, ob ökonomische Interessen hier die Hauptursache sind, und ob verantwortliche Personen am Grundproblem nichts ändern können. Das macht so ein Verhalten nicht besser. Ich kritisiere dieses übrigens nicht nur beim Radsport, sondern generell.
 
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