Nach dem schweren Radunfall auf Mallorca am Donnerstagvormittag erlag ein Unfallopfer seinen Verletzungen. Der Radsportler Christoph B. ist gestorben. Wir haben uns gefragt, was getan werden kann, damit es in Zukunft weniger häufig zu derartigen Unfällen kommt – nicht nur auf Mallorca. Und wir wollten auch andere Personen dazu befragen – als erstes haben wir Marcel Iseli, Sportdirektor und Mitinhaber von Hürzeler, einem der großen Radreiseveranstalter auf der Insel, um seine Einschätzung gebeten. Er sieht vor allem Individuen in der Verantwortung.

Rennrad-News.de: Der Unfall, bei dem eine Autofahrerin auf Mallorca, offenbar unter Drogen, in eine 15-köpfige Radfahrgruppe fuhr, ruft hier unter Radfahrern tiefe Bestürzung hervor. Wie war die Reaktion auf der Insel?

Marcel Iseli: Den tragischen Unfall hat man natürlich auch hier mit großer Bestürzung zur Kenntnis genommen. Leider hätte so ein Unfall überall auf der Welt passieren können. Die anwesenden Gästen haben davon vernommen, und unsere Gäste vom Festland haben immer wieder nachgefragt, ob jemand von unseren Gästen unter den Unfallopfern war.

Wie ist aus Sicht eines langjährig aktiven Veranstalters vor Ort die Entwicklung der Verkehrssicherheit auf Mallorca für Radfahrer allgemein zu beurteilen?

Ich denke an der allgemeinen Verkehrssicherheit gibt es nichts zu bemängeln. Sei es bei den Ordnungshütern, der Straßensignalisationen oder Radrouten. Hier wurde viel getan. Die Mallorquiner sind gegenüber den Radfahrern sehr, sehr tolerant. Sicher ist die Zunahme der Mietauto- und Radfahrer augenfällig. Würden sich nun alle an die gegebene Straßenverkehrsordnung halten, so gäbe es ein gutes Nebeneinander.

Führt der Veranstalter eine Unfallstatistik?

Ja und Nein. Ein Sturz vom Fahrrad durch nicht Ausklicken aus den Pedalen ist alltäglich. Folgen: kleine Schürfungen. Zu schnelle Bergabfahrten, nasse rutschige Strassen, Stein oder Loch in der Fahrbahn: Schürfungen, Schlüsselbein-, Achsel-, Bein- Arm- oder Oberschenkelhalsbruch. Zusammenstöße mit Fahrzeugen sind eher selten, wenn doch, kommt dies in der Regel mehrheitlich in den Rondels vor. Viele Autofahrer wissen nicht, dass eine geschlossene Radgruppe wie ein einzelnes Auto zählt. Betreffend Prävention gibt es durch die Regierung ein Plakat und einen Flyer mit dem Titel: „Sicher auf der Straße – Mit Fahrrad und Auto“.

Vor Unfällen, die auf individuellen schwerwiegenden Fehlern von Autofahrern beruhen, kann man sich als Radfahrer nur schwer schützen. Das Thema geht alle an. Welche Möglichkeiten, Radfahrer zu schützen, seht ihr als Veranstalter?

Halten alle die Verkehrsordnung – Radfahrer wie Autotouristen – ein, genauso wie im Verkehr daheim, so könnten einige Unfälle vermieden werden. Aufklärung, respektive Ermahnungen müssen immer wieder vorgenommen werden. Wir geben jedem Radfahrer einen „RaDgeber“ mit den wichtigsten Hinweisen der Straßenverkehrsordnung mit.

Was können die Guides tun?

Die Guides werden laufend ausgebildet, und sie weisen die Gäste in das Verhalten der spanischen Straßenverkehrsordnung ein.

Worauf können Radfahrer achten, die indiviuell unterwegs sind?

Das Miteinander im Straßenverkehr muss zu 100% respektiert werden. Besonders muss auf die Gefahren in den Tunnels hingewiesen werden. Sehr gefährlich ist zum Beispiel der unbeleuchtete Tunnel nach Cap Formentor.

Wäre es nicht eine Möglichkeit, Gruppen von hinten mit einem Fahrzeug abzusichern?

Dies ist unmöglich, dies würde zu einem unendlichen Verkehrsstau auf allen Strassen und Wegen auf der Insel führen. Der totale Verkehrskollaps wäre das sichere Ergebnis.

Gibt es vielleicht technische Hilfsmittel?

In erster Linie ist ein gut sitzender Helm eines der besten Hilfsmittel unterwegs. MP3-Player sind generell verboten und dieses Verbot soll auch konsequent umgesetzt werden. Eine gute Schutzmaßnahme ist, wenn der Radfahrer konsequent die ihm gebotenen Radwege und Radstreifen benutzt. Diese müssen aber ebenso konsequent gereinigt und die Löcher geflickt werden.

Hat man auf der Insel unter den Veranstaltern schon einmal über die Bildung eines Netzwerkes für mehr Sicherheit der Radsportler nachgedacht?

Es gibt immer wieder Zusammenkünfte. Maßnahmen wie Flicken der Radwege, Reinigen der Radstreifen oder Beleuchtung in den Tunnels sind schon langjährige Forderungen der Radsportorganisationen. Meines Erachtens wurden auf der Insel viele Maßnahmen getroffen. Das Sperren des Tramuntana-Gebirges an einem oder 2 Tagen pro Woche in der Frühjahrssaison könnte zur weiteren Sicherheit der Radfahrer maßgeblich beitragen.

Unternimmt die Regionalbehörde genug, um Autofahrer oder besonders auch mit Radfahrgruppen unbewanderte Mietwagenfahrer zu sensibilisieren?

Ich denke, ja. Ich gehe einfach immer wieder davon aus, dass jeder Radfahrer wie auch jeder Autolenker eine mündige sowie eine urteilsfähige Person ist. Was über Jahre in Bezug auf eine Erziehung nicht möglich war, kann auf der Insel während einem Urlaub auch nicht nachgeholt werden.

Wir werden noch weitere in das Thema Involvierte nach Maßnahmen für mehr Sicherheit beim Rennradfahren auf der Straße befragen. Welche Vorschläge habt ihr?

Foto: privat

Über den Autor

Jan Gathmann

Jan Gathmann leitet die Rennrad-News Redaktion von Wuppertal aus, der Stadt, die ihr Radstadion dem Fußball opferte. Er testet, interviewt und versucht Renngeschehen in Worte zu fassen. Jan ist gelernter Journalist, testet seit 20 Jahren Fahrräder (davor Autos) und schreibt darüber ebenso gerne wie über Menschen aus der Fahrradwelt, unter anderem schon für Trekkingbike, Velomotion und zuletzt beim RADtouren-Magazin. Er fährt am liebsten alles, was einen Rennbügel hat: vom Bahnrad bis zum Monster-Gravelbike. Jan liebt auch Schlamm, weshalb er gelegentlich auf dem MTB gesehen wird. Persönliche Palmarès sind ein beendetes C-Klasse Amateurrennen und ein 10. Platz bei einer Deutschen Fahrradkurier-Meiserschaft in Berlin.

Die neuesten Kommentare
  1. benutzerbild

    usr

    dabei seit 11/2011

    scp
    grobe Fahrlässigkeit zu überholen.
    Klar! Aber ohne Leute, die grob fahrlässig am Steuer sitzen würden wir diese Diskussion nicht führen. Solange niemand auf einen schießt ist ein Baumwoll-Tshirt kugelsicher...
  2. benutzerbild

    Anzeige

  3. benutzerbild

    usr

    dabei seit 11/2011

    dobelli
    Was soll man da warnen, wenn ein Cayenne mit 70 angefahren kommt?
    Vor allem könnte so ein System unmöglich frühzeitig unterscheiden, ob ein Auto wirklich auf Kollegisionskurs ist oder einfach nur relativ spät rüberzieht. An solchen kleinen aber entscheidenden Unterscheidungen beißen sich sogar die milliardenschweren Silicon Valley Selbstfahrprojekte mit einem Kofferraum voller Rechenleistung die Zähne aus.

    Wie oft könnte man sich wohl wegen Fehlalarm in den Graben werfen bis man statistisch gesehen ungefähr genau so tot ist wie nach einem Totalabräumer? Ich vermute nicht besonders oft.
  4. benutzerbild

    prince67

    dabei seit 08/2011

    whitewater
    Das hieße im Umkehrschluss ja, daß man eine Gruppe (ab wievielen Fahrern?) ohne Begleitfahrzeug gar nicht auf die Straße lassen dürfte. Schön, daß der Interviewpartner das als Unsinn ablehnt.
    In diesem Kontext @JNL vielleicht eine journalistisch wertvolle Frage. Untersteht Dich aber bitte, sowas z.B. unseren Heimatminister zu fragen. Der könnte das für eine töfte Idee halten.
    Ich weis zwar nicht, was genau daraus geworden ist, aber igendjemand ist schon auf eine ähnliche Idee gekommen
    https://www.shz.de/regionales/schle...muessen-fahrradtouren-anmelden-id7480846.html
  5. benutzerbild

    whitewater

    dabei seit 07/2008

    JNL
    Das heißt es bestimmt nicht, obwohl die Gefahr einer Regulierung natürlich immer lauert. Es wäre ein Sicherheitsplus aus meiner persönlichen Sicht. Man fährt anscheinend eher nicht aus Versehen in ein fahrendes Auto - warum auch immer.

    Wer mal mit 35 km/h im Auto über eine Landstraße zur Sicherung geschlichen ist, weiß, wie unsicher man sich aber selbst dann fühlt, weil man immer damit rechnet, dass einer mit 120 km/h von hinten kommt. Aber de facto nimmt die Radfahrgruppe ja den gleichen Raum auf der Straße ein, wenn nicht noch mehr. Weil ich mich als Radfahrer aber schnell fühle bei gleicher Geschwindigkeit, fühle ich (also ich) mich sicherer.

    Mein nächster Schritt wäre es, den Stand der Technik und Untersuchungen zur Effektivität zu Warnsystemen für Radfahrer recherchieren. Dash Cams interessieren mich in dem Zusammenhang nicht, weil es ja um Vorbeugung geht.
    Ob neben Deiner gefühlten Sicherheit, versteckt hinter einem möglichst schweren, motorisierten Prellbock tatsächlich ein Sicherheitsplus herauskommt wäre hochinteressant, ist aber nach meiner Kenntnis spekulativ.
    Man fährt des öfteren ungebremst in Autos, es kräht nur selten ein Hahn danach, weil Personenschäden seltener sind. Trotzdem erinnern sich die älteren unter uns noch an die Story am Frankfurter Kreuz mit einem Audi, der mit.. Warens 160km/h Differenz auf einen Kleinwagen auffuhr oder in jüngerer Vergangenheit irgendein Daimler, BMW oder Audi Manager, der eine komplette Familie auf den Friedhof geschickt hat.

    Wenn Du an harte Zahlen kommst, können wir weiterdiskutieren.
  6. benutzerbild

    olaf_v

    dabei seit 05/2008

    dobelli
    Aus dem Kopf heraus: es gab noch den Fall im Schwarzwald, bei dem die junge Frau vermutlich aufs Handy geschaut hat. Die ist auch vollkommen ungebremst in zwei Rennradler. Kommt schon mal vor.
    ... und letztes Jahr in Köln...

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