...und alles Vorort
guten abend,
hier mal meine gesetzten langatmigen Eindrücke der Veranstaltung anno 2011.
Vielleicht nicht für alle interssant, aber ich hoffe informativ für Teilnehmer in spe.
Vorweg die persönlichen Unzulänglichkeiten, dann die Vorbereitungen und letztendlich die Eroica als solche - ergo zum Ende die Erkenntnisse.
Unzulänglichkeiten
25 Jahre sind seit der letzten ernsthaften Rennradtour vergangen, die Waage mein Feind, die Freizeit begrenzt und dann dieser Rüüücken...
Doch dann die Stimme aus dem Himmel: Vitus Rahmen ersteigert, 2010 erste RTF erfahren - Blut geleckt
Vorbereitungen
I.
das Material

Zunächst ist das Alteisenforum eine gute Hilfe und steter Quell guter/gut gemeinter Ratschläge. Nach sorgfältigem filtern eben socher, kam ich materialmäßig zu folgender Erkenntnis:
nimm das stabilste und komfortabelste Rad deiner Sammlung, packe dicke
Reifen darauf, sorge für gute
Bremsen und versuche eine knieschonende Übersetzung zu realisieren.
Konkret war es bei mir ein Koga Miyata von 1976 mit Pneus von
Michelin Modell Dynamic in 25mm und eine Sugino Maxy Kurbel mit 110mm Lochkreis.
Drahtreifen haben den Vorteil günstig zu sein und behalten bei beherzten Bremspassagen das Schlauchventil in der Senkrechten.
Die Michelins waren mir eine persönl. Herausforderung, da ich zu 90% nur Negatives darüber gelesen habe. Ich kann diese Haltung nicht bestätigen, ich bin nach wie vor damit pannenfrei unterwegs.
Letzendlich nicht zu unterschätzten ist ein epochenkorrekter Radschuh, der auch eine kurze Wanderung nicht zur Qual werden läßt.
II.
die Beine
Sportlicher Saisonhöhepunkt sollte die Eroica bilden, also musste bis zum Herbst etwas geschehen.
Deshalb:
Anmeldung zum
Mittelfrankencup http://mfrc-online.de/main/22/ - RTFs sind eine gute Motivation! Insgesamt sind so auf 13 CTF und RTF Veranstaltungen plus Training bis Ende September gut 3000km erradelt worden.
Ab August wurden bewußt die Prozentspitzenreiter der heimischen Topographie frequentiert und vermehrt Kilometer auf Forst- und Wirtschaftswegen abgespult.
Alle Fahrten ausschließlich auf Alteisen (ich habe nichts anderes) mit der vertrauten, antiquierten aber dadurch zuverlässigen Technik
Veranstaltung
Da wir es für ökologisch fragwürdig erachten rund 1800km Autofahrt für einen Tag radfahren einzutauschen, haben wir just einen Italien-Kurzurlaub eingeplant; ein Appartment auf einem Weingut in vermeintlich örtlicher Nähe gemietet und waren somit schon zwei Tage vor dem Start in der Region Chianti.
Die Straßenverhältnisse waren bescheidener als ich sie erwartete: Die Zufahrt zur Unterkunft war mit faustgroßen Schotter befestigt; durch viele regenlose Tage die Staubschleppe der Fahrzeuge beachtlich, die Bäume am Straßenrad bis auf fast drei Meter Höhe kalkweiß (ich hatte den Eindruck, dem Eingeborenen geht die Nostalgie ala strade bianche am A...)
Gaiole erlebten wir zunächst als verschlafenes Provinznest, dessen Metamorphose dem eines Schmetterlings glich - nur nicht so bedächtig.

Noch am Vortag war ich des Treibens nicht sicher, ob sich die Eroica mit meinen Vorstellung deckt.
Dann ein Flohmarkt mit Radraritäten, der mein Interesse nicht wecken konnte - was war los?
Ich glaube ein Vergleich macht es deutlich:
sehe ich an der Heimattankstelle einen alten Fiat 500 stehen, ist meine Aufmerksamkeit (Freude) größer , als wenn ich beim Oldtimer Grand-Prix am Nürburgring auf dem Porscheparkplatz den 76. Porsche 356 entdecke. Am Nürburgring erwarte ich das, an der Tankstelle eben nicht. Nun gut!
Am Vorabend Eroica-Menü in unserem Quartier bestellt, also tagsüber nichts gegessen. Nach eineinhalb Stunden warten bei Wasser und Wein hatte es die Bedienung bei keinem Tisch im Restaurant geschafft die Vorspeise zu servieren - wir verließen den Gastraum - der Chef schreit den Koch an - ich esse einen Joghurt aus unserem Kühlschrank - 4.30h aufstehen - es geht los, 135km liegen vor uns.
Zurückblickend waren diese ersten Morgenstunden das schönste Erlebnis: - Dunkelheit und Stille nach dem Start, nur unterbrochen vom Tickern der Freiläufe - fackelumsäumte Alleeauffahrt - Frühsonne, welche den Dunst über den Hügeln verzaubert - frische Beine an den ersten milden Anstiegen.
Dann rissen mir nach rund 25km zwei Speichen aus dem Laufradsatz vom Altmetallcontainer (einem geschenktem Gaul...). Punkt "I.
das Material" hatte sich gemeldet. Ersatzspeichen, Kettenpeitsche, Speichenspanner alles am Mann aber keine Lust zum Basteln. Also Bremse hinten auf, Felge bestmöglich nachzentriert und Hintern aus dem
Sattel wenns ruppig wird. Mit einem aktuellen Systemlaufradsatz wäre hier Feierabend gewesen

An der ersten Verpflegungsstelle dann staunen: Wein und Kaffee statt Isotonischem (RTF-verhätschelter Franke)
Es findet sich eine lustige Truppe Foristi und die Entscheidung nicht auf die 205km Strecke abgebogen zu sein wird als weise gutiert.
Die zweite Verpflegung fällt üppig aus, die darauf folgende Berg- und Talbahn noch einiges mehr. Die Kraft lässt nach, es wird wärmer als im Oktober üblich.
Karawanen aus auf der idealen, denn schotterarmen Spur bergan Schiebenden machen es anstrengend - ausweichen - ins Bankett gerutscht - anfahren am Berg - in die Pedalhaken finden - Hinterrad rutscht durch - Gewicht auf den
Sattel - ins Bankett gerutscht...
Bergab nicht viel besser: auch hier sind einige lieber auf den eigenen Füßen unterwegs.

Am Nachmittag findet man uns auf der Terasse einer Bar bei doppelten Espresso - Endspurt!
Kurz vor 16.00h im Ziel (der Tacho zeigt 141km Strecke mit einem Schnitt von 21km/h) warte ich mit der Nikon bewaffnet auf die Mitstreiter.
Dort auf der einen Seite kommen diejenigen, die die kürzeren Etappen in Angriff genommen haben ins Ziel: kostümiert, reifenumschlungen und Alubidon bewährt, in Teamtrikots und Fliegerbrillen werden sie sich umarmen. Ehefrauen und mitgereiste Fanclubs jubeln und fotographieren in Pose gestellte Heroen nebst den dafür eigens angeschafften Stahlträumen.
Auf der anderen Seite rauschen fast unbemerkt zur gleichen Zeit Fahrer die jetzt 205km bewältigt haben durchs Zielgatter - ich werde nachdenklich.
Erkenntnisse
Ich hatte zwei Ziele die Material und Sport betreffen:
-alle auftretenden Pannen beheben zu können und dadurch aus eigener Kraft das Ziel zu erreichen
- an keiner Stelle das Rad zu schieben
aus dieser Betrachtung heraus war die Unternehmung erfolgreich.
Zuletzt noch ein paar Stichpunkte:
Die Strecke ist nach meinem dafürhalten für ein Rennrad moderner Bauart (und für mich sind die 70er Jahre schon topmodern) suboptimal (milde ausgedrückt). Ein Querfeldeinrad oder auch die Rahmengeometrie der 50er Jahre und die Entfaltung eines Mountainbikes passen hier besser. Die Helden der Vergangenheit hätten sicher auch lieber mit passender Übersetzung die Hügel erzwungen, als Schiebung zu praktizieren.
Reifen mit 28mm Querschnitt oder etwas Profil auf der Hinterhand sind der Traktion zuträglich.
Die persönliche Schutzausrüstung ist anbetracht der Herrausforderung generell zu leichtsinnig. Schon am Tag vor der Veranstaltung haben wir unweit von Gaiole Radfahrer mit klaffenden Kopfverletzungen am Straßenrand liegen sehen; während der Eroica einige Competiteure mit Schürfwunden an Ellbogen und Beinen (siehe Bild oben).
Der Charakter auf den kurzen Distanzen braucht einen Vergleich mit Karneval in Köln nicht zu scheuen - Radfasching eben

Die lange Distanz ist echter Sport - Respekt

Die Landschaft um Sienna ein Traum, der Menschenschlag speziell - ich würde gerne wiederkommen.
arrivederci
Karsten