An die Eierwaffeln, fertig, los! Am Wochenende startet in Deutschland die RTF-Saison. Wer unsere 12 goldenen Regeln beherzigt, kann in jeder Windschattengruppe locker bestehen. Einsteiger finden hier viele wertvolle Überlebenstipps und selbst alte Radtouristikhasen können noch etwas lernen.

#1 Nutze niemals den Sternfahrt-Modus

Juckel auf keinen Fall mit Deinem Rennrad zum Startort. Es heißt zwar Radtouristikfahrt, aber das gilt erst ab Start. Es glaubt Dir sowieso keiner, dass Dein Auto nicht um die Ecke steht. Es sei denn, Du trägst ein Acryl-Vereinstrikot. Punkte sammeln kannst Du nur, wenn Du eine Wertungskarte hast. Hast Du? Dann glaubt Dir ohnehin keiner, dass Du von von soweit her kommst, wie Du am Bierstand beim Frühschoppen vorgibst. Kurz: Du machst Dich nur unbeliebt. Komm mit dem Auto. Es reicht, wenn das einen Stern hat. So sparst Du außerdem morgens wertvolle Minuten. Und Du solltest Dich besser beeilen. Siehe Regel #2!

Wer Kuchen haben will, muss schnell sein
# Wer Kuchen haben will, muss schnell sein

#2 Wer zuerst kommt, hat länger was zu essen

Wenn Du das Auto geparkt hast, eile zum Kuchenbuffet. Begib‘ Dich direkt dorthin. Lass Dir von der freundlichen Dame alle liebevoll gebackenen Kuchen erklären. Such die besten für Dich aus und lass Dir einen Pappteller voll zurücklegen. Denk auch an die Lieben zuhause. Keine Sorge, das machen alle so. Vermeide Tiefkühlware. Du erkennst sie am makellosen Erscheinen.

#3 Die Strecke ist immer schlecht und zu kurz

Eine RTF ist kein Rennen! Ja, stimmt leider, aber sie sollte bitteschön genauso stabsmäßig organisiert sein. Sind doch alles Rentner im Orgateam! Die haben ja alle Zeit der Welt. Wenn Du die Veranstaltung schon kennst, solltest Du auf jeden Fall bei der Anmeldung die Gelegenheit zu konstruktiver Kritik nutzen. Wenn im Vorjahr irgendwo ein Schild fehlte, ist das zum Beispiel ein wertvoller Hinweis. Auch ungenaue Kilometerangaben nimmt kein Veranstalter auf die leichte Schulter. Außerdem ist die Startgebühr wirklich ziemlich hoch, dafür dass die Nummernausgabe so lange dauert und der Asphalt so schlecht ist. Sag‘ es jetzt, wer weiß, ob Du nächstes Jahr wiederkommst.

Am Start kann schon die ganze RTF verloren werden
# Am Start kann schon die ganze RTF verloren werden
Es müssen nicht immer Waffeln sein
# Es müssen nicht immer Waffeln sein

#4 Verzichte auf den Startstempel

Du hast lange an der Wand des Vereinsheims rumgelungert, um eine gute Gruppe auszumachen. Jetzt darfst Du sie auf keinen Fall schon am Start ziehen lassen. Wer stempelt, verliert. Wo sollst Du denn sonst losgefahren sein? Aber Tacho nullen nicht vergessen!

#5 Fahr schneller als 30

Die 30 muss stehen, soviel ist klar. Versuche gar nicht erst, Dein eigenes Tempo zu fahren. Vergiss alles, was Du über Belastungsgrenzen und Trainingszonen weißt. Der Tacho lügt nicht. Der Pulsgurt schon. Ein RTF-Schnitt ohne 3 an erster Stelle ist was für Sternfahrer. Wenn einer aus der Gruppe vorne zu schnell für Dich fährt, kannst Du Dich trotzdem beschweren. Die Gruppe fährt für Dich, nicht Du in der Gruppe.

#6 Gib so viele Handzeichen wie möglich

An seinen Handzeichen erkennt man den RTF-Profi. Stell‘ Dir vor, Du bist ein Rapper auf dem Rennrad: Je mehr gestikulieren, desto höher der Rang, yo. Diese Gelegenheiten solltest Du auf keinen Fall auslassen.

  • Kanaldeckel (Finger nach unten, Bro)
  • kleine Spurrillen (Finger nach unten)
  • größere Löcher (and all the fingers go down, down, down)
  • geparkte Autos, Verkehrsinseln, Fans am Straßenrand (an der Seite mit der Hand neben dem Sattel wedeln, an der das Hindernis steht, freestyle, man)
  • Wiegetritt, Trinken und aus der Gruppe ausscheren (Hand 90 Grad angewinkelt hinter den Rücken!)
  • Ampeln, Straßensperrungen, Straßenabbrüche (Arm nach oben strecken, High Five!)
  • Gruppe im Wind organisieren (Finger über dem Kopf kreiseln lassen, voll belgisch, Digga!)
  • Sprint ankündigen (Ghettofaust)

Merke: Je mehr Steuerkünste das Handzeichen beweist, desto mehr Prestige für Dich. Achte auch nicht selbst auf den Verkehr. Das lenkt nur ab. Kopf runter, Druck aufs Pedal und Blick auf das Hinterrad.

#7 Du hast drei Trikot-Taschen, um drei Waffeln mitzunehmen

Du hast kein Teamfahrzeug. Nutze deshalb jede Kontrollstelle, um Deine Energiereserven für die nächsten 30 harten Kilometer randvoll zu füllen. Wenn Du es eilig hast, weil die Gruppe schon wieder abzieht: Stopfe alle Trikottaschen mit verpacktem Essen voll. Das wird ja nicht schlecht. Denk nochmal an die hohe Startgebühr. Schlechte Verpflegung monierst Du am besten an Ort und Stelle und nochmal nach der Ankunft.

#8 Eine RTF ist kein Rennen – außer am Berg, an kleineren Hügeln und im Flachen

Es ist eine Radtouristikfahrt, lass Dir das auf der Zunge zergehen. Aber der Blutgeschmack im Mund ist trotzdem das Salz in der Suppe. Hier ein paar Tipps, wie Du den richtigen Zeitpunkt zum Würzen erkennst – in der Reihenfolge ihrer Nützlichkeit:

  • Ein Berg ist von weitem erkennbar. Etwas wie „Trainingslager kommt noch“ oder „Winter keine Gelegenheit gehabt“ faseln, am Ende der Gruppe aufhalten. Schauen, wer am Berg nach vorne zieht. Auf jeden Fall hinten rein hängen. Dranbleiben. Puls ok? Abwarten. Puls immer noch ok? Weiter warten, das Keuchen der anderen genießen, wenn es noch geht: sprechen. Rad des Mitfahrers loben. Gipfel scheinbar in Sicht? Tempo verschärfen (wenn es nicht schon jemand anderes getan hat). War doch nicht der Gipfel? Tempo nochmal verschärfen.
  • Alternativ: Trinkflasche rausholen und demonstrativ zurückfallen lassen. Etwas fallen lassen wie: „Den KOM habe ich“.
  • Die Straße steigt über mehr als 10 Meter leicht an. Tempo entschieden verschärfen!
  • Es weht eine leichte Brise von der Seite. Tempo schleichend, aber schmerzlich verschärfen.
  • Anzeichen von Erschöpfung in der Gruppe. Schweigend nach vorne fahren und sich für höheres Tempo opfern.
  • Tacho fällt unter 30. Tempo ruckartig anziehen!
  • Tacho klettert über 50: Tempo schlagartig rausnehmen, nach hinten fallen lassen, gegebenenfalls Krämpfe oder Hungerast vortäuschen.
Am Berg zieht man die Asse...
# Am Berg zieht man die Asse...

#9 Vorne fahren heißt schneller werden

Wer in den Wind fährt, muss schneller werden. Schließlich müssen die anderen ja irgendwie dafür bezahlen, dass Du einen Kilometer lang die ganze Arbeit machst. Nur eine Gruppe, die Du zerreißt, ist eine gute Gruppe. Langsamer werden kannst Du ja immer noch.

#10 Nach dem Berg SOFORT Beine hängen lassen

Eine RTF ist kein Rennen, deshalb musst Du es auch nicht übertreiben. Bei einem Anstieg heißt es am höchsten Punkt: sofort rausnehmen, Beine hängen lassen, Puls beruhigen (hoffentlich)! Kommst Du vorne an, kannst Du Dich jetzt am besten an den Straßenrand stellen und genüßlich eine der drei Waffeln mümmeln. Das demoralisiert Nachzügler zusätzlich. Auf keinen Fall umdrehen und mit den anderen den Berg nochmal fahren, ganz schlechte Idee!

Vorne fahren heißt schneller werden
# Vorne fahren heißt schneller werden

#11 Bei Streckenteilung an Essen denken

Du hast Dich bei der RTF extrem angestrengt. Verbrauchte Kalorien müssen sofort wieder nachgebunkert werden. Wenn Du bei der Streckenteilung nicht aufpasst, kannst Du das Zeitlimit an Start/Ziel knapp verpassen. Dann heißt es: Keine Rennwurst für Dich und nur lauwarme Bierreste. Deshalb gilt: Vor der Streckenteilung die erwartete Zielankunft ausrechnen. Auch den langsamsten Schnitt kalkulieren. An dieser Stelle können sich RTF-Fahrer ruhig ein Beispiel an Profis nehmen.

#12 Essen nicht vergessen

Am Ziel zählt nur eins: Essen. Stell das Rennrad irgendwie schnell ab, egal ob es bei der kleinsten Berührung umkippt. Hat ja jeder eine Haftpflichtversicherung heutzutage. Wurst und Kaffee oder Bier mit Kuchen? Egal, Hauptsache lecker. Wenn Du Hipster bist, kannst Du beim Essen schnell Deinen Garmin syncen und auf Strava nachschauen, wer eigentlich alles mit Dir gefahren ist. Aber vergiss nicht, Du hast noch einen Teller an der Kuchentheke! Gut, dass Du mit dem Auto gekommen bist, wie solltest Du den sonst nach hause bringen?

 Fotos: Verena Engel, Michael Hokkeler

Über den Autor

Jan Gathmann

Jan Gathmann leitet die Rennrad-News Redaktion von Wuppertal aus, der Stadt, die ihr Radstadion dem Fußball opferte. Er testet, interviewt und versucht Renngeschehen in Worte zu fassen. Jan ist gelernter Journalist, testet seit 20 Jahren Fahrräder (davor Autos) und schreibt darüber ebenso gerne wie über Menschen aus der Fahrradwelt, unter anderem schon für Trekkingbike, Velomotion und zuletzt beim RADtouren-Magazin. Er fährt am liebsten alles, was einen Rennbügel hat: vom Bahnrad bis zum Monster-Gravelbike. Jan liebt auch Schlamm, weshalb er gelegentlich auf dem MTB gesehen wird. Persönliche Palmarès sind ein beendetes C-Klasse Amateurrennen und ein 10. Platz bei einer Deutschen Fahrradkurier-Meiserschaft in Berlin.

Die neuesten Kommentare
  1. benutzerbild

    Knobi

    dabei seit 05/2004

    Toll. Genau SO kenne ich das, aber jetzt darf ich es auch endlich verstehen!
  2. benutzerbild

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  3. benutzerbild

    roykoeln

    dabei seit 09/2008

    ich kenne die auf den bildern!
    die sind wirklich ganz schlimm!
    das lächeln bei manchen täuscht!

    :D:D:D
  4. benutzerbild

    Sonne_Wolken

    dabei seit 11/2014

    Irgendwie kommt mir das alles sehr bekannt vor. Genau solche Gruppen gibt es wirklich immer wieder. :eek:

    Aber ich muss zugeben das ich auch schon mal eine Gruppe am Berg zerrissen habe. Hab das Tempo zwar nicht raus genommen, bin aber auch nicht langsamer geworden. Die 3 stand oben auf der Kuppe immer noch vorne. War so berauscht von meiner guten Form, das ich nicht an die hinter mir gedacht habe. War fast wie in alten Zeiten als ich noch Rennen fuhr. War aber ein einmaliger Ausrutscher, ehrlich. :oops:
  5. benutzerbild

    olaf_v

    dabei seit 05/2008

    :daumen: Klasse Tipps, damit klappt’s in dieser Saison aufs Podium :bier:
  6. benutzerbild

    Phante

    dabei seit 09/2009

    Da freut man sich wieder auf die erste RTF :)

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