Nicht nur sportartspezifisch, sondern auch in Bezug auf das was man konkret können möchte spezifisch.
Wenn ich lange schnell Rad fahren möchte ist es halt sinnvoller 6h im Training zu fahren als 1h zu fahren (Achtung Übertreibung) und auch sinnvoller als KT zu machen. KT kann das ganze ergänze, aber nicht ersetzen.
Da sind wir endlich beim Kern der Sache! Niemand behauptet hier, dass Hanteltraining das Grundlagentraining auf dem Rad ersetzen kann. Volumen ist König, das ist unbestritten. Wer Radfahren will, muss Radfahren.
Aber wir müssen den Begriff Leistung hier präziser fassen. Für mich ist Leistung nicht nur das, was der Motor maximal produzieren könnte, sondern das, was ich über Stunden effizient auf das Pedal bringe, ohne Energie durch Instabilität zu verschwenden.
Ein ökonomischerer Körper ist per Definition leistungsfähiger. Wenn ich durch bessere Rumpfstabilität und Ansteuerung weniger Energie für unnötige Ausgleichsbewegungen im Oberkörper verbrauche, stehen diese Watt zusätzlich für den Vortrieb zur Verfügung oder ich ermüde bei gleicher Wattzahl langsamer.
KT dient hier also der Ökonomisierung. Es erhöht vielleicht nicht die VO2max, aber es verbessert den Wirkungsgrad des Gesamtsystems. Und am Ende zählt ja, was auf der Straße ankommt, nicht was im Labor theoretisch möglich wäre, wenn der Nacken nicht schlappmachen würde. Zudem, zeigen Arbeiten auch, das KT, auch Maximalkraft KT, dem Vortrieb dienlich sind.
Wenn man Performance auf FTP oder VO₂max im frischen Zustand reduziert, hat KT tatsächlich nur einen begrenzten direkten Effekt.
Wenn man Performance aber als nachhaltige, über Stunden abrufbare Leistung bei gleichzeitiger struktureller Integrität versteht, ist spezifisches Krafttraining kein Bonus, sondern Voraussetzung.
Welche Probleme hat Michael denn? Welches Rad fährt er? War er schon beim Fitting? Wenn ja, wo? War das ein Physio? Hatte er danach ein Beratungsgespräch zu möglichen Fehlstellungen? Wann und wo treten die Probleme am häufigsten auf?
Du stellst wenigstens die richtigen Fragen, die Michael weiterhelfen. Denn Michael ist nicht nur 200 Kilometer gefahren, sondern schon 300. Seine Beine waren in Finnland 2025 beim Saimaa Cycle Race nämlich nicht das Problem. Das Problem, das sich Michael durchs reine Radfahren eingehandelt hat, ist ein TOS, ein Thoracic Outlet Syndrom. Das ist quasi die Version 2.0 eines Impingements oder einer Bizepssehnenentzündung.
Michael war beim Physio und beim Orthopäden, aber beide konnten nur bedingt helfen, bis er die Ursache wirklich verstanden hat. Um Michael mal aufzulösen: Die Figur ist eine Mischung aus mir und einer Radfreundin. Bei Frauen kommen gerade im Schulter- und Nackenbereich noch zusätzliche Herausforderungen durch schlecht sitzende BHs oder das Gewicht der Oberweite dazu, was die Statik zusätzlich belastet. Michaelas Symptomatik ist meiner sehr ähnlich, nur oft noch komplexer.
Diese Historie beschreibe ich hier so ausführlich, weil das keine Einzelfälle sind. Ich bewege mich mittlerweile genau in dieser Blase. Diese Probleme sind sogar sehr häufig. Sie tauchen nur in den Foren-Bubbles selten auf, weil die Leute ihre Räder vorher entnervt in die Ecke stellen. Oft genau deshalb, weil sie gesagt bekommen: Fahr einfach, dann gehts weg.
Ich finde es schwierig, hier die Gesamtheitlichkeit aus dem Auge zu verlieren. Der Grundtenor ist immer: Kraft kannste machen, bringt aber nichts. Das ist nicht richtig. Der Effekt ist vielleicht nicht direkt in Watt messbar, aber die Betrachtung kommt ohne das Gesamtbild nicht aus. Auch die Studienlage ist da aus meiner Sicht eigentlich klar.
Spezifisches Krafttraining ist eine grundfunktionale, oft notwendige Basis, die nicht vernachlässigt werden darf. Aber sie findet, möglicherweise aus historisch gewachsenen Gründen oder weil sie schwerer zu quantifizieren ist als Wattwerte, zu wenig Berücksichtigung. Das ist mir ein Anliegen, den Fokus in diese Richtung zu lenken. Wenn die Basis stimmt, können wir gerne über Volumen sprechen.
Das ist mein finales Statement zu der Sache, wenden wir uns gerne den Leuten zu, die sich beschwerdefrei auf dem Rad halten können.