AW: Berliner Höllentouristen
Sonnabend, 5:45 - die Sonne scheint ins Fenster und im Weckradio schrammelt Monster Magnet. Heute wir dein guter Tag!
checkb, seines Zeichens Ober-Freerider (
=Geländeradfaher mit viel Federweg, KEIN Sportler, unfahrbar gibts nicht) aus dem IBC-Forum, hatte zur
'Glücklichmacher-Tour' gerufen und alle Teilnehmer persönlich gecastet. Nur durch beste Beziehungen konnte ich als Strumpfhosensportler einen Startplatz ergattern. Mit schwerem Gerät sollte das Zittauer Gebirge erforscht werden.
Am Treffpunkt in Grünau wurden zwei VauWeh-Busse mit den Rädern beladen und ab gings in Richtung Dresden, über Bautzen nach Waltersdorf, am Fuße des kleinsten deutschen Mittelgebirges.
Die alten Männer am Steuer unseres Transporters bewiesen einen zweifelhaften Musikgeschmack. Nach DJ Ötzi im Karaoke-Mix war zumindest die zur Befahrung von S5-Trails unbedingt nötige Aggressivität aufgebaut. Die Hüpfer-Fraktion kategorisiert die Trails (Freerider:
Wege/Wanderpfade) - ähnlich wie Kletterer oder Skifahrer- in 5 Klassen: von der Waldautobahn (S1) bis zur senkrechten Geröllrinne (S5).
Nachdem alle neun Geländeritter ihre Rüstungen (Protektoren, Plastikmützen) angelegt hatten, stampfte das Peleton zum Warmrollen neben einem Skilift bergauf.
Erstes Ziel war die 793m hohe Lausche. Bergauf waren Hofnarr (=Rick vom Störtebecker-Cup) und ich mit unseren leichten Hardtails im Vorteil.
An Kreuzungen gab es nie Zweifel über die von Checkb geplante Richtung: einfach immer den steilsten Pfad nehmen. Im Zweifel den, der am unfahrbarsten aussieht.
Wenn das Hinterrad durchdreht und der Vorderrad abhebt, muss man einfach schneller treten, damit es rollt!
Teilweise führte der Pfad am Hang entlang und bot weite Blicke ins Land. Herrlich! An einer Stufe, die Reinhold Messner nicht mal angeseilt klettern würde (Freerider:
2-Meter-Drop), taten die Protektoren bei einigen erste Dienste.
Solche Stellen habe ich gar nicht erst versucht, zu fahren, denn bei fehlendem Federweg ist es wie mit Hubraum.
Mein Brüderchen hatte mir tags zuvor eindringlich empfohlen, die Klick-Pedale gegen Bärentatzen zu tauschen. Zum Glück bin ich seinem Rat gefolgt und hatte die dicken Bergstiefel an. Keine Ahnung, wie Rick das mit seinen Klickies gemacht hat...
Eine tschechische Wanderfee versorgte die Ritter auf ihrem schweißtreibenden Anstieg mit kühlem Pilsbier aus ihrem Rucksack.
Der Gipfel wurde über enge Serpentinen bezwungen und bot ein herrliches Panorama bis zum Jested auf tschechischer Seite.
Bergab musste dann die direkte Fallinie durch den Wald genommen werden. Zum Glück ist bergab schieben nicht so anstrengend...es war mir einfach zu steil, selbst bei ganz tiefem
Sattel. Es folgte ein wunderbar flüssiger Downhill über Stock und Stein. Am Fuße des Berges hatten alle ein dickes Grinsen im Gesicht. Glücklichmachertour!
Nun hieß es wieder: Räder schultern und Stufen hoch tragen. Für die Liteville-, Fusion-, Intense- und Kona-Fahrer bedeutete das: mindestens 16 Kilo Metall schleppen.
Hochwald hieß der nächste Berg, auf dessen Gipfel eine Hütte stand, die zur Nahrungsaufnahme einlud. Dorthin führte der sehr flowige (Freerider:
flüssig zu fahrende) deutsch/tschechische Grenztrail.
Dann musste ein ewig langer Anstieg erklommen werden, der wie ein ausgetrockneter Bach im Wald lag. Geröll und spitze Steine erschwerten das Vorankommen.
Nach einer ausgedehnten Mittagspause rockten wir über einen terassenförmigen Abhang in Serpentinen abwärts. Am Ende des Downhills spuckte der Berg einen nach dem anderen wieder mit dickem Grinsen aus.
Der als Ulle verkleidete 'Fahrer aus Stahl' (Chriss), verbog sich bei einem Abflug die hintere Bremsscheibe. Aber der Konameester ist nicht umsonst Meister: Mit einer Kombizange wurde die Scheibe professionell zentriert und weiter ging's.
Einsetzender Regen konnte die folgende Befahrung des Oybin nicht verhindern. Zwischen Felsblöcken, die an die sächsische Schweiz erinnerten, kurbelten wir uns hoch. Nach Regen folgt bekanntlich immer Sonnenschein. Auf dem Felsplateau am Gipfel überstrahlte ein leuchtender Regenbogen in aller Pracht der CSD-Farben das Panorama.
Die Abfahrt über rutschige Wurzeln und aufgeweichte Erde forderte Fahrtechnik. Als Rennradler bin ich von den hydraulischen Scheibenbemsen begeistert. Falls beim Bergab-Bratzen über Äste, Wurzeln und Steine plötzlich ein Hinderniss auftaucht, wirft man einfach mit einem Finger den Anker. Kein Vergleich zu den antiquierten RR-
Bremsen, mit denen der Fahrer unter fieser Geräuschkulisse viel mehr Handkraft benötigt, um schlingernd mit den dünnen
Reifen ohne blockieren zum stehen zu kommen, falls er rechtzeitig am Hebel zog. Und das nur bei Trockenheit.
Den Parkplatz erreichten wir nach knapp 10 Stunden und unglaublichen 36 Kilometern. Wenn sich der geneigte Leser allerdings vor Augen hält, dass diese Tour eher mit einer Bergwanderung zu vergleichen ist, geht das in Ordnung. Insgesamt waren es wohl 2000 Höhenmeter.
Nach einem Abendessen, einer Umleitung auf der Autobahn und nächtlichem BVG-Pendelverkehr erreichte ich 2 Uhr morgens mein Basislager.
Fazit:
Das Zittauer Gebirge ist ein Geheimtip für Radwanderer. Es gibt keine MTB-Verbote, wie z.B. in der sächsischen Schweiz, es ist extrem menschneleer und bietet mehr Weitblicke als der Harz, da die Berge isolierter voneinander in der Landschaft stehen. Und natürlich super geniale Wege.
Für mich war es eine super Erfahrung in Fahrtechnik / Sicherheit, Naturerlebnis und Kameradschaft. Bei der IBC-Hüpferfraktion wird jeder ohne Vorbehalte akzeptiert. Es gibt keinen Leistungsdruck und auf die Letzten wird gewartet. Checkb hatte mir sogar Protektoren mitgebracht, die ich aber aus ästhetischen Gründen ablehnen musste.
Danke für die Tour, war geil, aber richtisch geil!
PS: Mehr dazu und die Geschichte von Rob gibt's im MTB-Forum....
PPS: Fotos:
http://www.rennrad-news.de/fotos/showgallery.php/cat/1768