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Disziplinierte 600 oder Essen FLACH („Drei-Länder-Tour Richtung Nordsee“)
Prolog
Mit Blick auf den 1200er im Sommer stand ich vor drei Möglichkeiten: diszipliniertes Training, Leiden als Passion oder sich mit Termine zwingen. Unschwer zu erahnen, ich habe den Terminzwang gewählt und spontan noch einen Platz beim ARA Ruhr ergattert. (Ich liebe deren Anmeldesystem, freiwerdende Plätze erlauben wieder eine Anmeldung – regelmäßiges Nachschauen lohnt sich dort wirklich.)
Es sollte also sowas wie eine Trainingsfahrt werden. Und da ich mich kenne, wusste ich, dass ich diesen Vorsatz unterwegs vermutlich wieder vergessen und mich am Ende gegen die Wand fahren würde. Also habe ich zur Selbststeuerung in Emden ein Hotel gebucht und einer starren Regel gesetzt: (1) Ich muss mich dort ins Bett legen (2) Ich darf das Zimmer nicht vor 4:30 Uhr verlassen. Damit mein sozialer Druck möglichst groß wird, habe ich allen die es hören wollten oder nicht von diesen Regeln erzählt.
Anreise / Vorabend
Ich gebe hier einfach mal meine Erfahrungen weiter – vielleicht kann sie jemand für sich nutzen:
- Eine spontane Anreise mit dem Deutschlandticket an einem Freitag im Juni ist die Pest. Die Züge waren hoffnungslos überfüllt, insbesondere mit Flugreisenden Richtung Düsseldorf und Schulklassen auf dem Heimweg von Klassenfahrten. Einen Anschluss verpasst und zwei Züge auslassen müssen, weil sie für Fahrräder gesperrt wurden. Aus geplanten 4,5 Stunden wurden am Ende 8 Stunden.
- Der Campingplatz liegt fast direkt am Start (ca. 1,5 km entfernt), ist für Zelte aber nur bedingt geeignet. Er befindet sich unter der Einflugschneise von Düsseldorf, und bis 23 Uhr herrscht dort reger Betrieb.
- Auf der Suche nach etwas zu essen bin ich in einem vermeintlichen „Imbiss“ gelandet und hätte fast geheult, so gut war das. Original italienische Pasta, dazu ein Bier aus Sizilien und ein Tiramisu – italienische Liebe auf dem Teller. (Spaccanapoli da Enzo, Wigstraße 1, 45239 Essen-Werden)
Startort / Route
Der Start war unspektakulär an einem Edeka in Essen-Werden. Man konnte noch gemütlich einen Kaffee trinken und wirklich gut frühstücken. Lediglich den Toilettengang sollte man rechtzeitig planen – offenbar gibt es nur eine Toilette für alle. Bereits 25 Minuten vor dem Start war die Schlange beeindruckend lang. Aber ich habe es noch geschafft.
Es waren einige Menschen am Start, aber keineswegs überfüllt. Ich bin furchtbar schlecht im Schätzen, aber ich würde sagen, dass es vielleicht 80 Starter:innen waren (wie leider oft nur wenige Frauen).
Der Track hielt was er versprach. Auf rund 620 Kilometern sollten keine 1.000 Höhenmeter zusammenkommen. Man muss also flach genauso lieben wie schnurgerade Straßen. Die längste Gerade war vermutlich mit 11,3 km eine Straße von Burgsteinfurt und Hauenhorst. Außerdem sollte man lange Abschnitte mögen. Zwischen Start und Ziel lagen gerade einmal fünf Kontrollen – also 6 Etappen: (1) Essen – Coesfeld; 95 km (2) Coesfeld – Sögel; 119 km (3) Sögel – Emden; 95 km (4) Emden – Meppen; 114 km (5) Meppen – Nienborg; 77 km (6) Nienborg – Ziel; 119 km
Flach und gerade liegt mir. Lange Etappen eher nicht. Dennoch war die Streckenführung angenehm. Nur vor Emden wurde ein Straßenabschnitt doppelt gefahren, und selbst dort war erkennbar, dass nach Alternativen gesucht worden war.
Start bis Emden
Unmittelbar nach dem Start ging es zunächst einen kleinen Anstieg hinauf und anschließend über viele kurvige Rad- und Nebenwege. Entsprechend bildete sich zumindest um mich herum keine wirkliche Gruppe. Für mich war das aber völlig in Ordnung.
Die ersten 50 bis 60 Kilometer führten im Zickzack durch „die“ Stadt. Ja, ich habe verstanden, dass es mehrere Städte sein sollen – aber woran genau erkennt man den Übergang?
Etwas nervig war das schon, aber vermutlich geht es nicht anders. Dafür blieb der angekündigte Dauerregen am Vormittag aus, und der Wind kam gefühlt weniger stark von der Seite als erwartet.
Schließlich öffnete sich der Horizont. Sattes Grün, etwas Sonne und lange, ruhige Straßen. Das Gelände war angenehm wellig, und nach meinem Eindruck drehte der Wind sogar leicht, sodass ich gelegentlich das Gefühl hatte, ein wenig Unterstützung zu bekommen oder ich war fitter als gedacht.
Irgendwann fand sich doch eine kleine Gruppe zusammen. Mit zwei Fahrern rollte ich längere Zeit gemeinsam dahin. Mal schloss sich jemand an, mal zog jemand vorbei. Bis Leer gibt es ansonsten wenig Spektakuläres zu berichten.
Ein Problem zeichnete sich allerdings ab: Es lief zu gut. Es drohte, dass ich bereits gegen 21:30 Uhr am Hotel sein würde. Was sollte ich denn da so lange machen? In Leer kam ich schließlich gegen 19:30 Uhr an und beschloss, etwas Zeit bei der „anderen“ Burgerkette zu verbringen.
Die Strecke von Leer nach Emden wechselte nun die Himmelsrichtung. Erst etwa 15 Kilometer Richtung Nordwesten, anschließend ziemlich genau 26 Kilometer gen Osten. Der Wind kam laut Wetterdaten aus 270 bis 280 Grad – also ziemlich exakt aus Westen. Bis etwa 19 Uhr wehte ein „starker Wind“ (um 40 km/h), danach flaute er auf eine „frische oder mäßige Briese“ (25 bis 30 km/h) ab.
Soweit die Fakten.
Teilnehmer berichteten später von „Sturm“, „fast Sturm“ oder „starkem Gegenwind“, der grundsätzlich immer von vorne gekommen sei. Beides ist faktisch wohl nicht ganz korrekt – aber ich gebe den anderen entschieden Recht! Hoch leben die kontrafaktischen Zeiten, die Hölle, die wir da erleben mussten, jawohl.
Tatsächlich ging bei mir von Leer bis Emden wenig. Gestartet um ca. 20:15 habe ich es um kurz nach 23:00 Uhr an den CP geschafft und damit einen krassen 14 km/h Schnitt hingelegt. Das kann nur am „Sturm“ (ab 75 km/h) oder zumindest „stürmischen Wind“ (ab 62 km/h) gelegen haben!
Regelkonforme Hotelnutzung
Angesichts des mindestens (erlebten) „steifen Wind“ (ab 50 km/h) war ich mit meiner Regel nur mäßig glücklich. Vom Kontrollpunkt waren es lediglich zehn Kilometer bis zum Hotel, und es war offensichtlich, dass alle, die jetzt weiterfuhren, die nächsten 40 Kilometer geschenkt bekamen – beziehungsweise sich dieses Geschenk auf dem Hinweg hart erarbeitet hatten.
Aber Regel bleibt Regel – insbesondere weil ich Gott und der Welt davon erzählt hatte. Also fand ich mich gegen 23:30 Uhr im Hotel ein. Wer dort ebenfalls ein „Hotel“ sucht: Das von mir genutzte
Roatel kann ich empfehlen. Online einchecken, kommen wann man möchte, Zimmeröffnung per Smartphone, Fahrrad kann problemlos mit ins Zimmer, alles sauber und eine gute Dusche. Kurz nach Mitternacht lag ich geduscht im Bett.
Und dann lag ich. Und dann lag ich weiter. Und anschließend lag ich noch etwas mehr.
Hin und wieder bin ich kurz eingenickt, aber eigentlich habe ich vier Stunden dort herumgelegen und darauf gewartet, dass endlich 4 Uhr wird, damit ich mich fertig machen konnte, um das Hotel regelkonform um 4:30 Uhr zu verlassen. Um es vorwegzunehmen: In den folgenden 100 Kilometern sah ich eine perfekte Schutzhütte nach der anderen. Mein Fazit: Die Strecke eignet sich hervorragend zum Draußenschlafen.
Emden - Meppen
Um 4:30 Uhr rolle ich also weiter. Und natürlich kommt es, wenn man mit schlechter Laune startet, wie es kommen muss: Schlimmer!
Der Wind ist war viel schwächer und kam auch gar nicht mehr so richtig von hinten! Ich hatte all den schönen Rückenwind verpasst und - selbstverständlich – fängt es auch noch an zu regnen.
Gut,
die Fakten geben das so nicht her. Der Wind war sogar etwas stärker als nachts und kam weiterhin aus 260 bis 270 Grad. Den Unterschied zu 270-280 Grad habe ich sicher nicht wirklich gemerkt. Aber erstens hatte ich diese Daten nicht und zweitens hätten sie mich vermutlich auch nicht überzeugt. Schlechte Laune bleibt schlechte Laune.
Also rollte ich missmutig durch die Gegend und ertrug tapfer die Regenstunden. Die Wetterdaten behaupten zwar, es seien lediglich 40 Minuten gewesen, aber auch das erscheint mir eher ein Datenfehler in der Wetterdatenbank.
Irgendwann erinnerte ich mich an die extra gekauften Schokobrötchen. Allerdings stellte sich die Frage, wie ich bei all den Regensachen überhaupt an sie herankommen sollte.
Und dann riss der Himmel auf: Die Sonne kam mit aller Macht hervor, und kurz darauf erreichte ich eine wunderschöne Schutzhütte mit Blick über Wiesen über den die Sonne stand. Regensachen aus, Bröchen in die Hand und auf der Bank die Welt genießen. Was ist das Leben nicht schön.
Nur eins fehlte zum Glück, ein Kaffee. Aber der ist auf dem Track tatsächlich Sonntagsmorgens nicht zu bekommen. Hier und da gab es zwar einen Bäcker, aber der war sonntags entweder geschlossen oder erst später geöffnet.
Die erste Chance bot sich schließlich in Meppen an einer Tankstelle, die ich sofort nutzte. Eine wirklich gute Tankstelle mit angenehmen Sitzmöglichkeiten und erstaunlich gutem Frühstück – etwa 2,5 Kilometer vor dem Kontrollpunkt direkt an der Strecke.
Meppen - Ruhrgebietsstadt
Manchmal ist es nicht hilfreich, wenn man sich in einer Gegend einigermaßen auskennt. Aber die nun gewählte Strecke hinterließ bei mir mehr Fragezeichen. Der Abschnitt zwischen Meppen und Nienborg hat mich über weite Strecken nicht überzeugt. Vielfach führte der Track über eher mäßige Straßen oder entlang stark befahrener Bundesstraßen. Vermutlich spielte auch die Uhrzeit eine Rolle. Ich war dort zwischen 10 und 12 Uhr unterwegs, und es war wirklich viel Verkehr. Irgendwann führte die Strecke auch noch über die Zubringer zum Autobahnkreuz Schüttorf. Dort hatte mich der Track beinahe verloren. Wenn das nun der weitere Verlauf sein sollte, dachte ich mir, könnte ich mir ab Nienborg auch einfach eine Bundesstraße suchen und bis Essen-Werden durchballern.
Falls jemand diesen Bericht liest und das Brevet selbst fahren möchte: Einfach durchhalten! Nach Schüttorf wird die Welt wieder schön. Wirklich sehr schön.
Die Strecke führt über Borken und Schermbeck nach Sterkrade. Ein wunderbarer Abschnitt. Zwar gab es bis Borken leichten Gegenwind, doch danach wurde daraus immer wieder angenehme Unterstützung.
Die Rückkehr in die Ruhrgebietsstadt
Die Fahrt durch „die“ Stadt hatte mich auf dem Hinweg schon etwas genervt. Entsprechend wartete ich darauf, dass dieser Teil erneut unerquicklich werden würde. Tat er aber nicht. Denn ich fuhr genau in dem Moment ins Ruhrgebiet ein, als Deutschland sein Auftaktspiel bei der WM bestritt. Die Straßen waren einfach leer, vollkommen, nix, niemand, nur leer. Was für ein Erlebnis!
Jede Vernunft fiel von mir ab, und ich ballerte mit 30 bis 40 km/h durch die Stadt. Die Straße gehörte schlicht mir. Was war das großartig. Sollte die deutsche Mannschaft tatsächlich ins Finale kommen suche ich mir die nächste Großstadt. Unglaublich.
Ziel
Unglaublich sind auch die beiden Organisatoren des Standorts. Im Ziel gibt es hier nicht einfach ein Foto und ein Klick auf „Brevet beenden“ (ok, noch nicht mal mehr das muss man in der neuen Version machen). Nein, die beiden sitzen bei einem guten Imbiss – oder ist es ein Restaurant ? – und warten auf alle Ankommenden. Immer wieder gesellten sich Menschen an den Tisch. Das Brevet erhielt dadurch einen wirklich würdigen und gemeinschaftlichen Abschluss.
Vielleicht fahre ich an den „falschen“ Standorten (Ich liebe sie aber ebenso!), aber so etwas habe ich bisher noch nicht erlebt. Besonders beeindruckt hat mich, mit welcher Geduld sie jeder einzelnen Geschichte lauschten – selbst dann, wenn aus einem frischen Westwind langsam ein Orkan erwuchs. Immer freundlich, immer positiv, immer zugewandt. Sogar mein Gemüt ertrugen sie klaglos – das gelingt so nicht allen.
Nein, im Ernst: Das ist wirklich stark, was die beiden dort auf die Beine stellen. Es lohnt sich wirklich diesen Standort im Auge zu behalten! Danke!