Zum Thema Steuerrohr noch einen Einwand. Die "Komfortmodelle" haben lange Steuerrohre. Im Endeffekt "erkauft" man sich damit aber nur eine gefälligere Optik bei gleicher Sitzposition, der Vorbau kann auf der selben Höhe montiert werden, man kann jedoch alle Spacer weglassen. Ausnahme natürlich bei echten oder falschen Rückenkranken, die zum 19cm Steuerrohr dann trotzdem einige cm Spacer benötigen. Wenn es also um die Optik geht, sieht ein 90mm Vorbau am 56er Oberrohr imho falscher aus, als einen Rahmen mit kürzerem Steuerrohr und ein paar Spacern zu fahren.
Die Roubaix-Geometrien habe ich auch noch nicht richtig verstanden, oder ich verstehe das mit dem Reach nicht wirklich? Mit dem längeren Oberrohr wird der Sitzwinkel flacher und der Reach vergrößert sich nur minimal (Oberrohr wird von 56 zu 58er Rahmen 17mm länger, der Reach jedoch nur 5mm). D.h. bei gleicher Position über dem Tretlager muss der selbe Fahrer seinen
Sattel beim größeren Rahmen etwas weiter nach vorne stellen und hat dann effektiv einen 5mm längeren Rahmen, der Lenker kommt aber direkt 3cm höher?
56er (Carver Evolution meines Bekannten, Probe-gefahren)
Oberrohr 555
Reach 388
Stack 559
Steuerrrohr 150
58er (Spezialized Roubaix, Empfehlung des Händlers)
Oberrohr 582
Reach 392
Stack 622
Steuerrohr 225
Wenn man die Daten vergleicht, "macht" das Roubaix aus fast 3cm längerem Oberrohr gerade mal 4mm längeren Reach. Das du das 58er als zu groß empfindest, liegt also entweder an einer nicht passend eingestellten Position über dem Tretlager (du sitzt weiter hinten, als auf dem Carver und es ist dir auf der kurzen Testfahrt nicht aufgefallen), oder (wahrscheinlicher) an der Position des Lenkers. Dafür ist dann die Kombination aus Steuerrohrlänge und Vorbaulänge verantwortlich und ob letzter positiv oder negativ verbaut ist. Vielleicht passt dir das 58er mit einem 100er Vorbau, oder beim Carver muss noch etwas umgestellt werden.
Dazu hat es sich zumindest für mich als Trugschluss erwiesen, dass ein hoher Lenker gleichbedeutend mit entspanntem Sitzen ist. Auf dem Rennrad hat man nun mal mehr Gewicht auf dem Vorderrad, damit die Arme/Schultern das nicht komplett alleine tragen müssen (was zu Verspannungen führt), muss die Position so passen, dass sich das Körpergewicht auf
Sattel, Pedale und Hände verteilt. Der Rumpf z.B. kann mehr Haltearbeit übernehmen, wenn man nicht so aufrecht sitzt. Kurz und hoch greifen (Hollandrad) ist erstmal bequem, aber taugt beim Rennrad nicht, weil man in der Position über Stunden zu viel Gewicht nur auf dem Hintern hat und alle Schläge direkt in die Wirbelsäule gehen, von der Aerodynamik mal abgesehen. Weit und hoch greifen ist da schon besser, da kann der Rumpf aber noch nicht genug Haltearbeit übernehmen und Hände/Arme/Schultern werden überbelastet. Zu kurz und zu tief lässt einen Buckeln.
Nacken- und Schulterschmerzen kommen also von einer falschen Position und von zu schwacher Haltemuskulatur. Wenn du sonst MTB fährst, arbeitest du mit dem Oberkörper wahrscheinlich mehr, als der gemeine Rennradfahrer. Für die flache und gestreckte Position auf dem Rennrad nützt das u.U. nichts, da hilft Rumpftraining und während der Fahrt immer mal aufstehen, etwas auf dem
Sattel hin- und herrutschen, öfters umgreifen, nicht nur die drei Hauptpositionen, sondern auch dazwischen.
Zeig mal ein Foto vom Carver, darf auch mies sein, man muss nur mal die Einstellung erkennen können. Manchmal sind Lenker und/oder Hebel so eingestellt, dass es gar nicht bequem sein kann. Oder der
Sattel ist so weit vorne, dass Hände/Schultern zu viel Gewicht tragen müssen. Und dann sag mal ein-zwei Worte zur Ausstattung und was dein Bekannter sich für einen Preis vorstellt.
Ich würde auf das Carver setzen. Du kannst es dir quasi ausleihen wann du willst bzw. es steht schon bei dir? Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, vllt. mal den Vorbau zu wechseln, Lenker umzustellen, ein paar Touren in voller Montur zu fahren und dann das Rad zu kaufen, wenn es passt. Mit verschiedenen Lenkerformen kann man auch jede Menge rausholen, Kompaktlenker bei zu langem Oberrohr und kurzem Steuerrohr, Standard wenn zu kurz und hoch. Geslopte Rahmen lassen optisch negativ montierte Vorbauten mit flacherem Winkel zu, da kommt der Lenker bei ausreichender Vorbaulänge wieder etwas höher und es ist wieder ein Spacer weniger notwendig
Mein erstes richtiges Rennrad habe ich mittlerweile 4 Jahre. Das ist 56cm hoch, 56,5 cm lang und hat ein 16er SR. Die ersten zwei Jahre bin ich nur sporadisch gefahren, mittlerweile sind einige KM abgerissen (und auch weitere Räder mit anderen Geometrien dazugekommen), so dass ich immer besser darauf sitzen kann. Dabei hat sich je nach Trainingsstand und Einsatzzweck immer wieder die Einstellung verändert, fix ist nur die konische ~2cm Kappe vom Steuersatz. Ansonsten bin ich da von 20mm Spacern plus 90mm positiv montiertem Vorbau für 16 Tage Radreise in untrainiertem Zustand bis 120mm Vorbau positiv und negativ alle möglichen Einstellungen gefahren. Schon eine Weile fix ist der 110mm Vorbau negativ, aktuell sind 15mm Spacer über dem Vorbau, bisher sieht es aus, als ob das bleiben könnte. --> diese Flexibilität fehlt dir mit einem Komfortrahmen.