Man bremst wegen der geringeren Haftung nicht so intensiv aber dafür länger, und insbesondere auch einen viel höheren Anteil hinten, weil man eben lieber hinten wegrutscht als vorne. Und man fährt auch langsamer und dadurch gibt man einen viel geringeren Teil der freigesetzten Lageenergie (Masse * Höhendifferenz) an den Luftwiderstand ab. Dafür verteilt man die Umwandlung der Lageenergie über einen längeren Zeitraum, aber das reicht nicht annähernd aus um die anderen Effekte zu kompensieren.
Ich möchte jetzt nicht unhöflich sein, aber das geht in meinen Augen jetzt etwas ins Esoterische.
Wir sprechen hier von einer langen Abfahrt bei feuchter Straße, bei der man insgesamt wohl langsamer fährt, weniger hart bremst (längerer Bremsweg) und natürlich auch langsamer um die Kurve fährt. Du hast Recht, dass bei harter Bremsung während des Bremsvorgangs etwas mehr Energie mittels Luftwiderstand abgebaut wird, aber deiner These, dass dieser Effekt deutlich größer wäre als der (für die
Bremsen 'schonende') Effekt des längeren Bremsens kann ich nicht zustimmen.
Ich glaube außerdem, dass du überschätzt, wie viel mehr Bremsleistung du in dieser Situation an das Hinterrad delegieren kannst. Ich kann übrigens nur dringend empfehlen, sich auch und besonders bei Regen nicht überwiegend auf die Hinterradbremse zu verlassen. Man rutscht auf gerade Strecke auf feuchtem oder nassen Asphalt nicht sehr schnell weg (ohne Laub etc.) und die Hinterradbremse trägt durch die dynamische Achslastverlagerung einfach zu wenig. Ich komme vom Motorradfahren und bin immer wieder erstaunt wie stark sich einige Radfahrer aud die Hinterradbremse verlassen bzw. wie viel Angst sie vor der vorderen haben.
Wie komme ich zu meinen Schlüssen?
1) Grober logischer Überschlag: wenn die Abnahme der Bremsleistung durch den Lufwiderstand stärker wiegen würde als die zeitlich länger verteilte Bremsung, dann müsste man eigentlich bei einer extrem vorsichtigen Abfahrt mit z.B. 25 km/h eher Probleme bekommen als mit richtig schneller Abfahrt und harten BRemsungen aus 70+ km/h. Das entspricht nicht meiner Erfahrung.
2) Schnelle Überschlagsrechnung für Bremsung vor einer Kurve auf der Abfahrt. Die Ergebnisse sind nicht extrem genau, aber verdeutlichen ganz gut, wie viel Reserve man hinten noch hat im Vergleich zum harten
Bremsen der vorderen Scheibe in Szenraio 1 (trocken).
===== BREMSANALYSE (Gefälle: -8.0%) =====
Parameter: Systemmasse: 95.0 kg | CdA: 0.32 m² | Crr: 0.004
Hinweis: Abkühlzeit ist die Dauer bis zum Erreichen von 50°C (Umgebung+30°C).
Szenario: TROCKEN 75->30 km/h
Bremsvert.: Vorne 85% / Hinten 15%
Dynamik: Verzögerung: 7.0 m/s² | Weg: 26.1 m | Zeit: 1.79 s | P_max: 13.6 kW
Energie: Bremse 17.9 kJ | Luft 1.3 kJ
Temp. 160/140: Vorne 119°C, Hinten 43°C (Abkühlzeit V: 173s H: 0s)
Temp. 160/160: Vorne 119°C, Hinten 38°C (Abkühlzeit V: 173s H: 0s)
Szenario: NASS 75->22 km/h
Bremsvert.: Vorne 60% / Hinten 40%
Dynamik: Verzögerung: 3.5 m/s² | Weg: 56.7 m | Zeit: 4.21 s | P_max: 6.6 kW
Energie: Bremse 20.2 kJ | Luft 2.6 kJ
Temp. 160/140: Vorne 99°C, Hinten 88°C (Abkühlzeit V: 139s H: 119s)
Temp. 160/160: Vorne 99°C, Hinten 72°C (Abkühlzeit V: 139s H: 80s)
Szenario: NASS vorsichtig 65->22 km/h
Bremsvert.: Vorne 60% / Hinten 40%
Dynamik: Verzögerung: 4.5 m/s² | Weg: 32.1 m | Zeit: 2.66 s | P_max: 7.8 kW
Energie: Bremse 14.8 kJ | Luft 1.1 kJ
Temp. 160/140: Vorne 78°C, Hinten 70°C (Abkühlzeit V: 95s H: 75s)
Temp. 160/160: Vorne 78°C, Hinten 59°C (Abkühlzeit V: 95s H: 37s)
Man kann jetzt natürlich noch mit den Parametern spielen und z.B. die Bremsleistung hinten erhöhen und die TEmepratur wird sich bei mehreren Bremsungen nacheinander noch stark erhöhen, aber ich meine, dass man hier sehr gut sehen kann, dass 160er-Scheiben hinten nicht notwendig sind - auch nicht wenn man gerne Reserven hat.