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b-r-m

former Mechanic on the Titanic
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Sollen Damen radfahren?
Berlin, den 1. Februar 1897.

An Frau F. L.
Berlin W.

Sehr geehrte gnädige Frau!

In dem poetischen Winkel Ihres traulichen Salons, dieser herrlichen Plauderecke, in der ich mich gestern Abend weit über die übliche Besuchszeit hinaus — (doch ich fühlte mich vollkommen entschuldigt, denn im nebenliegenden Arbeitszimmer Ihres Gatten saßen drei weitere Besucher beim Abendskat und nur ein Nichtskatspieler weiss, was das zu bedeuten hat) — von Ihren immer eigenartigen und geistvollen Gedanken und Einwendungen fesseln ließ, haben wir u. A. auch die neueste und merkwürdigste Erscheinung in unserem öffentlichen Leben behandelt, — eine Erscheinung, die fast wie eine Epidemie über uns gekommen ist, die Alt und Jung, Reich und Arm, Männer und Frauen mit gleicher Gewalt ergriffen hat: den Radfahrsport. Gesetzte Männer, die sonst mit grösster Vorsicht eine Treppe hinunterstiegen, behäbige und prinzipientreue Frauen, die sonst aufkommenden modernen Freiheitsbestrebungen nicht die geringste Konzession machten — sie schwingen sich mit gleicher Begeisterung auf ein leichtes, flinkes, nicht ungefährliches Vehikel, unterziehen sich ungewohnten Anstrengungen und Mühen und fühlen sich glücklich und zufrieden in der Ausübung dieses neuesten Sports, des Radelns.

Sie gehörten nun, verehrteste gnädige Frau, stets zu denjenigen — Sie gestatten es mir zu sagen — seltenen Vertreterinnen des schönen Geschlechts, welche mit vollkommenster Objektivität, mit ruhigster Überlegung und, unterstützt durch reiches Wissen, auch mit kritischem Blick jede neue Erscheinung prüfen und sich erst dann ein abschliessendes Urtheil bilden.

Zweifellos hat Sie dann auch das „Radfahren der Damen“ schon hin und wieder beschäftigt; Sie haben sich aber gestern Abend über dieses Thema sehr vorsichtig und zurückhaltend geäussert, so dass ich sofort vermuthete, dass ich mitten in die in Ihrem Innern hierüber noch schwebenden Verhandlungen eingegriffen habe. Ich weiss nun nicht, ob eine genügende Majorität von Empfindungen und Gedanken bei Ihnen für den zur Debatte stehenden Gegenstand vorhanden sein wird, doch ich wünschte sehr, dass derselbe mit absoluter Majorität zur Annahme gelangte und dieser Erwägung verdanken Sie die heutige Epistel, denn ich hoffe, dass dieselbe nachhaltiger und eindrucksvoller auf Sie wirken wird, als das flüchtig hingeworfene Wort einer verplauderten Minute im poetischen Winkel Ihres traulichen Salons, in dessen Nachbarzimmer die Skatbrüder immer und immer wieder feierlichst die „allerletzte Runde“ proklamieren.

Sie hatten einen Einwand erhoben, welcher mir bei Beantwortung der vorliegenden Frage von grösster Bedeutung erscheint; er betraf die ästhetische Seite des Damenradfahrens.

Zugegeben, dass die zur Fortbewegung des Rades nothwendigen Tretbewegungen an sich keine sehr schönen sind, sind diese letzteren durch die nun erfolgte Lösung der Toilettenfrage nicht überhaupt so gut wie unsichtbar? Das glatte englische, fussfreie Kleid verletzt das ästhetische Gefühl nicht im geringsten. Freilich wird es immer darauf ankommen, wie eine Dame auf dem Rade sitzt; selbst die graziöseste Dame kann durch schlechte Haltung auf dem Rade einen unschönen Eindruck erwecken. Darin muss ich Denen allerdings Recht geben, dass der Anblick einer mit Pluderhosen bekleideten, die Pedale tretenden Dame höchst unschön wirkt; doch ich glaube nicht zu irren, wenn ich behaupte, dass diese Mode sich recht bald überlebt haben wird. Die männliche Tracht der Frau wird immer nicht nur deren feinfühlende Geschlechtsgenossinnen, sondern auch die ästhetischen Männer abstossen, da sich diese des Eindruckes nicht erwehren können, dass das Weib mit dem Ablegen der äusserlichen Kennzeichnung ihrer Geschlechtszugehörgkeit auch etwas von dem Innerlichen, Seelischen von sich abstreift; nur ein rohes Gemüt könnte dies billigen. Ich meine daher, gnädige Frau, dass das Argument der Ästhetik gegen das Radfahren der Damen nicht stichhaltig ist; es lässt sich mit der Lösung der Toilettenfrage leicht widerlegen. Nehmen Sie sich doch nur einmal die Mühe, an einem schönen Frühlingstage den Ihrer Wohnung recht nahegelegenen Kurfürstendamm entlang zu gehen und beobachten Sie eine halbe Stunde hindurch die Haltung, die Toiletten und das allgemeine Gebahren der Radlerinnen; Sie werden dann finden, dass bei weitem der grösste Theil einen durchaus ästhetischen und sogar recht wohlgefälligen Eindruck macht; nun, sollten wir, weil einige Ausschreitungen vorkommen, den schönen und gesunden Sport dem ganzen weiblichen Geschlecht verbieten?

Wenn Sie aber einmal selbst eine kleine Radlergesellschaft auf einer Tourenfahrt beobachtet hätten, dann wäre Ihnen sicherlich eines nicht entgangen: die liebenswürdige Bereitwilligkeit, mit der die jungen Leute bei kleinen Unfällen, bei Ermüdung u.s.w. den Damen zu Hilfe kommen; mit unermüdlichem Eifer widmen sie sich ihren Schutzbefohlenen, bessern kleine Maschinendefekte aus, holen Erfrischungen herbei, mit einem Wort: der Radfahrsport, besonders das gemeinsame Tourenfahren, erzieht zur Galanterie! Nicht mit Unrecht klagen unsere Damen über die abnehmende Ritterlichkeit der jungen Leute, die sich im gesellschaftlichen und öffentlichen Leben bemerkbar macht. Die Kneipe und der Skattisch sind die Stätten, an denen die Verrohung der jugendlichen Gemüther grossgezogen wird. Nun, der Radfahrsport ist ein vorzügliches Heilmitel dagegen. Wirkt die freie Natur schon an und für sich mildernd auf die Sitten der jungen Leute, so steigert das schnelle Vorwärtskommen das Bewusstsein der Kraft, es fördert die gute Laune, erzeugt Lustigkeit und Frohsinn. Eine Radlergesellschaft hat stets die Physiognomie einer fröhlichen Kinderschaar, etwas Natürlich-Lustiges, Ungezwungenes, und das verursacht nicht zuletzt die Theilnahme von Damen, die hier — wie immer — den veredelnden Einfluss ausüben.

Sollten diese Gründe für Sie aber nicht Veranlassung genug sein — was ich übrigens nicht glaube —, das Radfahren der Damen zu billigen, so werden Sie den hygienischen Werth desselben sicherlich nicht ignoriren können. Erzählt man sich doch in engeren Bekanntenkreisen von Ihnen, dass Sie als junge Braut zwei Semester hindurch hygienische Vorlesungen bei Dr. F. gehört haben und habe ich es doch durch eigene Beobachtungen bestätigen können, dass der Gesundheitspflege in Ihrem Hause ausser ordentlich viel Aufmerksamkeit zugewandt wird. Nun, dann werden Sie gewiss mit Interesse vernehmen, dass das Radfahren vom gynäkologischen Standpunkt durchaus zu empfehlen ist. Herr Dr. Floel in Koburg hat über diesen Punkt besondere Beobachtungen gemacht. Derselbe liess, wie ich der Deutschen med. Wochenschrift 48/96 entnehme, Fragebogen von Radfahrerinnen ausfüllen; aus den eingetroffenen Antworten schliesst er:

Das Radfahren ist als körperliche Bewegung für jede gesunde Frau nützlich, für viele leidende Frauen heilsam. Es ist eine Übung im Freien, die den Körper kräftigt und gewandt macht und die Geistesgegenwart ausbildet; natürlich darf es nicht als unvernünftiger Sport betrieben werden. Die Haltung auf dem Rad muss aufrecht sein, der Sattel muss horizontal stehen und straff gespannt sein. Bei dieser Körperlage ruht die ganze Körperlast auf den Sitzhöckern, während bei gebeugter Stellung, schlaffem und vorn erhöhtem Sattel schädliche Wirkungen hervorgerufen werden.

Solchen Urtheilen gegenüber werden Sie sicher nicht ganz theilnahmslos bleiben.

Wieviel freundlicher und genussreicher gestalten sich die Tage, wenn eine kleine Abwechselung die Monotonie des sonstigen Programms unterbricht. Wenn die anstrengenden Stunden der wirthschaftlichen Thätigkeit vorüber, wenn „Hans“ und „Klein-Grethchen“ endlich zum Mittagsschlaf die Äuglein schlossen, dann nehmen Sie ein Buch zur Hand, oder eine Stickerei, oder schreiben Briefe oder machen vielleicht einen Besuch — gewiss alles sehr nützliche und nothwendige Dinge; aber wieviel freudiger und bereitwilliger werden Sie Ihre Thätigkeit verrichten, wenn Ihnen nachher als süsser Lohn eine kleine Radtour an der Seite Ihres Mannes winkt, wenn Sie ein bis zwei Stunden in der freien Natur sich getummelt haben! Ich will hier gleich für den Fall, dass Sie meine Ausführungen zur praktischen Ausübung des Radfahrens veranlassen sollten, — quod deus bene vertat! — die wichtige Rolle, welche bei Radfahrerinnen die Zweckmässigkeit der Kleidung spielt, betonen: Verzicht auf das Korsett und auf das Binden der Röcke über den Hüften; das Gewicht der Kleider muss auf den Schultern ruhen, sei es, dass die Bekleidung für Ober- und Unterkörper in einem Stück gearbeitet ist, oder dass die Kleider des Unterkörpers mit dem Bund an ein über den Schultern hängendes Leibchen angeknüpft werden.

Es soll heute nicht meine Aufgabe sein, Ihnen, verehrte Frau, die wohlthätige Wirkung des Radfahrens auf die einzelnen Organe des menschlichen Körpers klar zu machen; sicher ist aber das Eine: Das grosse Heer der bleichsüchtigen jungen Mädchen wird bei kräftiger und verständiger Ausübung des Tourenfahrens verschwinden, und das wäre ein Segen nicht nur für die Betheiligten selbst sondern auch für die späteren Generationen. Wir sollten froh sein darüber, dass mit dem Fahrrad sich endlich die Möglichkeit geboten hat, jungen Mädchen eine gesunde Bewegung in freier Luft zu verschaffen, welche die Schaar moderner Krankheiten verhütet oder beseitigt.

Sie selbst, gnädige Frau, sind die Gattin eines Radlersmannes. Hand aufs Herz, haben Sie nicht manchmal schon, wenn Ihr Gatte sein blankgeputztes Stahlrösslein zu einer Tourenfahrt bestieg, mit einem gewissen sehnsüchtigen Blick vom Balkon herab dem schneidigen Radler nachgeschaut? Hat es Sie nie gedrängt, ihm Kamerad und Genossin zu sein auf diesem wie auf allen anderen Wegen? Es giebt so manche Dinge, die im Getriebe des Tagewerks unausgesprochen bleiben zwischen Frau und Mann; so manche kleine Sorge, so mancher Plan, sie werden nicht geäussert, weil dazu die Ruhe oder die nöthige Sammlung fehlt. Wie schön bietet hierzu eine gemeinsame Radtour Gelegenheit, wo man, entflohen dem Trubel der Kinderstube oder der Gesellschaft, sich wenigstens einige Stunden allein gehört; es wird dies eine Visite, die man sich selbst macht und bei der man alle Interna recht behaglich besprechen kann.

Sie werden es mir erlassen, noch von der Nützlichkeit des Radfahrens der Damen, von der Möglichkeit, bei plötzlichen Erkrankungen, Unfällen u. dergl. schnelle Maassregeln zu ergreifen, eingehend zu sprechen, denn diese liegt ja auf der Hand.

Das Radfahren ist die Stenographie der Bewegung, ein herrliches Ausdrucksmittel des Strebens unserer im Zeichen des Verkehrs stehenden Zeit, und diesem steht doch die Frauenwelt nicht ganz fern.

So hoffe ich denn, auch Sie, verehrte Frau, recht bald in den Reihen dieser den Zug ihrer Zeit begreifenden Frauen zu sehen und Sie von den Schönheiten einer Tourenfahrt schwärmen zu hören.

Ich mache Ihnen mein ergebenstes Kompliment und bitte Sie, Ihren Herrn Gemahl sowie Hans und Grethchen recht herzlich zu grüssen von Ihrem

freundschaftlich ergebenen
Arthur Loening
--
aus: Jahrbuch der deutschen Radfahrer-Vereine Bd. 2, 1897/98, S. 42-47

SLUB
Erscheinungsdatum 1897
Signatur Y. 8. 1481-2.1897/98
Lizenz-/Rechtehinweis Public Domain Mark 1.0
 
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Coriande

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So, die Damen: Also bitte alle schön aufrecht sitzend den galanten Gatten bei der Radltour begleiten - adrett und ungezwungen ohne Korsett!
Danke für den Artikel. Das Orignal unter dem SLUB-Link bietet auch optisch das zeitgenössische Flair beim Lesen!
 

b-r-m

former Mechanic on the Titanic
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  • Radsportarzt Dr. med. Peter Konopka
  • Rallyeweltmeister Walter Röhrl
  • bike-Chefredakteur Ulrich Stanciu
übers Rennradfahren mit Frauen...

aus: Männer auf Rädern
Thomas Carle
BRD 1993
Dauer: 65 min
Format: Farbe
 
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b-r-m

former Mechanic on the Titanic
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Eulalia Influencia Infantin, von Spanien mit neuem Bild. Zeigt sie ihren Knöchel??? 🤪

Eulalia.jpg


(...) Eulalia schrieb unter dem Pseudonym Comtesse de Ávila mehrere Bücher, war aber innerhalb des Hochadels und bei ihrer Familie umstritten. Vor der Veröffentlichung des Buches Au fil de la vie telegrafierte ihr Neffe König Alfons XIII., sie solle die Veröffentlichung ihres Buches verschieben, bis er es gelesen und seine Erlaubnis dazu gegeben habe. Doch sie ignorierte dies und veröffentlichte ihr Buch. In dem Buch beschrieb sie ihre Eindrücke und Gedanken über die Unabhängigkeit der Frau, Gleichberechtigung, Religion und Traditionen. (...) :eek:
 
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