Weshalb soll Campagnolo ein Konkurrenzprodukt zu einer Baumarkgruppe wie 105 bringen? Ja, die 105er funktioniert bestens, reicht für 99 Prozent aller Hobbyradfahrer locker, aber man muss ja nicht mit allen Sparten konkurrieren. Colnago bietet ja auch kein Konkurrenzprodukt zu einem günstigen Roserad oder Merida an. Aber natürlich wäre es sinnvoll, evtl. was für hochwertige Räder im noch vierstelligen Bereich zu bringen, da spielt die Ultegra ja mit.
Der Punkt ist die Menge/das Volumen sowie die Präsenz im Markt. Du brauchst als Hersteller, wenn du nicht komplett in einer "Supernische" operierst, Menge um die Kosten zu denken. Auch wenn die Topgruppen absolut einen höheren Stück-DB erwirtschaften als die "Low/Mid-Range" Gruppen (a la 105er, Athena und wie sie alle heißen), deckst du als Hersteller primär die Kosten über die Menge, welche positive Skaleneffekte mit sich bringt. Du sorgst für eine gute Auslastung der Anlagen, was es braucht um die Fixkosten zu decken.
BMW, Mercedes als Bsp. machen auch mit dem 3er BMW oder der C/E-Klasse bzw. Volumen um ihre primären Kosten zu decken. Weder der 7er BMW noch der Maybach oder G-Klasse Mercedes können das kompensieren, auch wenn die Hersteller bei diesen Produkten schlichtweg immense Stück-DBs einfahren, so sind einfach die Mengen zu gering um die gesamten Overheads zu decken, die erforderlich sind, um Autos zu produzieren.
Ich sehe es in der Fahrrad-/komponentenbranche ähnlich: man hat mehr oder minder hohe Maschinen-/Anlagekosten und die einzelne Einheit wird nun mal billiger, je mehr ich da durchlaufen lasse, denn die Fixkosten der maschine sind zentral (die variablen verhältnismäßig niedrig - bzw. werden die ohnedies durch das Produkt unmittelbar gedeckt). Auf einer Maschine für die Produktion von Schaltwerken kann ich alle Schaltgruppen fertigen - aber von den Mittelklasse produziert man x-fach so viele wie von den absoluten High-End Teilen und die lasten die Produktion aus. Die Produktionsanlage muss 24/7 - 365 Tage im Jahr laufen.
Außerdem bringt ein gewisses Volumen Markenpräsenz - was hilft es wenn ein paar Freaks aus einem noblen Münchner Vorort mit Campa. SR-Teilen rumfahren? Das halbe TdF-Feld muss damit unterwegs sein! Bei jedem x-beliebigen Pimperl-Marathon rund um eine deutsche Kleinstadt muss die Hälfte der Starter mit Campagnolo unterwegs sein damit auch du als
Shimano/
SRAM-Fahrer beim nächsten Radkauf ein Rad mit Campagnolo auswählst bzw. aktiv ein solches nachfragst. Von
Rose über Merida, über Pinarello, Colnago über Trek, Cannondale und zig andere Möchte-Gern-Marken. Dein bester Radkumpel (oder noch besser die halbe Clique) fährt mit Campagnolo aller Qualtäts- und vor allem Preisklassen mit dir herum, dann greifst auch du als
SRAM/
Shimano Fahrer beim nächsten Radkauf vielleicht zu Campagnolo. Hier spielen psychologische Effekte eben eine wichtige Rolle.
Campagnolo braucht Präsenz in der Breite - mit diesem Exklusiv/Mythos-Gehabere bedienst du zwar deine eigene, immer kleiner werdende Bubble, aber du kannst zugleich die Preise nicht so hoch schrauben im Fahrradbereich, dass es sich finanziell dann hinreichend ausgeht.
Campagnolo versucht sich elitär - also nur mehr Topgruppen von Chorus aufwärts kombiniert mit italienschem Mythos aus vor 30 Jahren. Sorry, das ist zu wenig; mit "G'schlichtln drucken", aber bisweilen mittelmäßiger Produktqualität verglichen zu
SRAM/
Shimano wirst deine Mitbewerber nicht einholen, da es faktisch keinen rationellen Grund gibt Camp. zu fahren. Mit der Irrationalität macht man dauerhaft keine Geschäfte - irgendwann wacht jeder auf.
Dafür ist einfach der Markt, den Campag. bedient, zu klein/volumsschwach um wirtschaftlich als echter hersteller (und nicht nur einer, der sein Logo wo draufpappt) zu reüssieren. Dieser Umstand ist bei Campagnolo scheinbar in den letzten Jahren nicht angekommen. Man versucht sich elitär; nur diese Elite (= zahlungswillige Klientel, das >15.000€ für ein Rennrad auf den Tresen legt), ist sehr sehr klein und wird auch immer kleiner je teurer das ganze auch wird. Persönlich würde ich mich auch schämen, Profimaterial für 15k € zu fahren, wo der Bauch bis zum Oberrohr hängt. Aber das ist ein anderes Thema.
Im Status quo können eben die ganzen Kosten nicht gedeckt werden, was letzten Endes die wirtschaftliche Situation von Campagnolo erklärbar macht bzw. auch den kontinuierlichen Abstieg seit Jahren oder gar einem Jahrzehnt schon.
Mein Bsp. mit den Autoherstellern von DE-Herstellern versucht das zu veranschaulichen. Bis auf ein paar etablierte, absolute Highest-End marken (Bugatti, McLaren, Ferrari, etc.) im Automobilbereich, wo Käufer bereit sind, absurde Preise zu zahlen, braucht jeder Hersteller eben gewisse Volumina um die Kosten/Overheads zu decken. In der Fahrradbranche sehe ich dieses "Absolute High-End" Segment als faktisch inexistent bis sehr sehr klein an; vor allem auch dürfte es sich auch kaum entwickeln in Zukunft.
Zahlreiche Vorposter haben es auch schon auf den Punkt gebracht - zuerst reine Nische und irgendwann ist die Nische auch weg > Ende.