Degger
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Das ständige in sich hineinhorchen und die lückenlose Selbstüberwachung durch irgendwelche Wearables führt ohnehin eher zu Problemen, als dass sie eine Lösung darstellt. Das liegt schon allein schon an dem aus Sozial- und Naturwissenschaften bekannten Problem, dass das Beobachten, Überwachen und Messen eines Phänomens, dieses nicht selten verändert. Dies trifft natürlich erst recht auf Selbstbeobachtung und Selbstüberwachung zu. Nicht selten ist der Fokus auf das eigene Befinden bzw. das, was einem irgendein Wearable hinsichtlich Trainingsbereitschaft ausspuckt, nichts weiter als Prokrastination.
Das ist eine durchaus provokante These. Ich würde es allerdings nicht so sehen, dass man damit seine Mündigkeit abgibt – im Gegenteil. Natürlich sind Wearables kein Goldstandard, aber gerade in Kombination mit einem guten Körpergefühl werden sie zu einem sehr mächtigen Werkzeug. Zudem ist die HRV als Metrik in der modernen Trainingslehre mittlerweile fest etabliert.
Ich finde es persönlich ‚mündiger‘, Warnsignale ernst zu nehmen – egal, ob sie vom Gefühl oder (bestätigend) von der Uhr kommen. Erst zu reagieren, wenn die Nase läuft, ist mir persönlich oft zu spät.
Dass du für dich keine sinnvollen Ableitungen treffen konntest, akzeptiere ich absolut, auch wenn es mich überrascht. Ich blicke hingegen auf drei Jahre zurück, in denen ich dieses Tool reflektiert nutze, und mein Fazit ist positiv: Ich habe meinen Körper dadurch deutlich besser kennengelernt.
Was ist im ‚schlimmsten‘ Fall passiert? Ich habe mich vielleicht mal ‚verleiten‘ lassen, früher ins Bett zu gehen oder das Auto statt des Rades zu nehmen. Aber wenn ich mir meine langfristige Progression ansehe, zeigt die Kurve stetig nach oben. Ob ich nun wegen des Wearables mal eine Einheit zu viel habe liegen lassen, ist mir am Ende egal – ich laufe zumindest nicht Gefahr, Signale ignoriert zu haben.
Ein konkretes Beispiel, das mir die Augen geöffnet hat (ca. zwei Jahre her): Meine HRV war dauerhaft im Keller, mein Stresslevel laut Uhr konstant oben. Ich fühlte mich schlecht, war beim Arzt – alles organisch okay. Ich stand vor einem Rätsel. Bis ich durch die Daten den Anstoß bekam, tiefer zu graben. Es stellte sich heraus, dass ich ein massives, chronisches Kaloriendefizit fuhr (6000–7000 kcal Minus pro Woche durch Pendeln und Training). Ich war schlicht im energetischen Notstand. Nach Anpassung der Ernährung ging es mir schlagartig besser – und siehe da: Die ‚technischen Daten‘ erholten sich sofort parallel zu meinem Gefühl. Ein entscheidendes Gefühl hatte mich dabei aber getäuscht: Ich hatte keinen Hunger.
Das war für mich der Beweis: Gefühl und Daten korrelieren oft stark, wenn man sie lesen kann. Aber ab und zu wissen die Daten eben mehr als das Gefühl. Das Wearable hat mir hier geholfen, einen blinden Fleck zu finden. Das hat für mich wenig mit Prokrastination, aber viel mit Validität zu tun.
Dass die HRV durchaus mal für längere Zeit absacken kann (und soll), weil man aktuell bewusst neue Trainingsreize setzt (Functional Overreaching), ist natürlich klar. Da korreliert die HRV oft direkt mit dem TSS. Es ist für mich aber logisch nicht schlüssig, externe Leistungsdaten (Wattmessung, Trainingstools etc.) akribisch zu nutzen, dabei aber wichtige interne physiologische Messwerte außer Acht zu lassen.
Vielleicht bin ich da etwas breiter aufgestellt, trainiere eher ‚pro Körper‘ und im Zweifel defensiv. Für mich ist es fein, wenn die gesamte Balance stimmt – und damit meine ich auch die Balance in Kombination mit Familie, Beruf und anderen Aktivitäten.
Ob sich diese defensive Ansicht ändert, wenn ich im Frühjahr Volumen und Intensität bewusst deutlich nach oben schiebe, wird sich zeigen – ich werde berichten. Allerdings werde ich meinem Körper auch dann Vorrang geben.