Diese Formeln sind noch aus den 1990er Jahren, wo man mit einer 60er Trittfrequenz auf 16mm Reifen gefahren ist.
Selbst eine Studie aus 2001 hat schon ergeben, dass sogar eine 145mm Kurbel Sinn machen kann.
(Determinants of maximal cycling power“ von Martin, D.T., Davidson, G., & Hahn, A. (2001))
Entscheidend ist die Trittfrquenz bei entsprechender Übersetzung: Kürzere, kompaktere Kurbel mit 120er Kadenz (heute) statt Heldenkurbel mit 60er Kadenz (früher).
Für jemanden, der seit 30 Jahren immer nur eine 60er Trittfrequenz fährt, macht eine kürzere Kurbel keinen Sinn. Der soll lieber bei seiner 180er Kurbel bleiben.
Sorry, wer fuhr denn eine 60er Frequenz, außer Ulle? Selbst in den frühen 80ern fuhren wir minimal 19mm-Reifen, normalerweise 22-23mm - und auf der Bahn, wo solche superschmalen Reifen mal gefahren wurden, waren die Trittfrequenzen schon immer sehr hoch...
Und, nein, an der Biomechanik des menschlichen Körpers hat sich seit sicher 20,000 Jahren nix geändert - am Ende ist es ein trade-off zwischen Drehmoment und Kadenz, und Extreme sind selten sinnvoll. Der Wirkungsgrad der Muskulatur ist übrigens um die 60 am höchsten - allerdings kann man durch eine höhere Kadenz mit besserer Durchblutung und günstigerer Kraft-Bahn-Kurve eben doch über die Zeit mehr wuppen. Allerdings ist das Verhältnis zwischen erbrachter Leistung und dafür notwendigem VO2 zwischen 60-80 am günstigsten, der Gesamtwirkungsgrad der Mensch-Maschine am besten, und genau deshalb fahren auch viele Hobbyfahrer eher in dem Bereich. Erst, wenn man kardiopulmonal so top-notch ist, und gleichzeitig so lange und schwere Rennen fährt, daß die geringere muskuläre Ermüdung in den Beinen mehr wiegt als der schlechtere Wirkungsgrad, ergibt eine höhere Trittfrequenz Sinn. Manche munkeln ja, daß erst mit EPO hier das Optimum zugunsten höherer Trittfrequenzen verschoben wurde....
Zur Sinnhaftigkeit der Näherungsformeln: ob die auf den mm taugen oder nicht, ist irrelevant; sie zeigen aber auf, daß über Jahrzehnte Menschen mit kurzen Hebeln zu unnötig langen Kurbeln genötigt wurden, und das zu korrigieren, ist absolut sinnvoll. Sie zeigen aber auch, daß es nicht sinnvoll ist, wenn jemand sehr lange Beine hat, nun plötzlich 160er zu montieren - die gleichen Näherungsformeln schlagen für einen 160cm-Menschen dann 160mm, für einen 190cm-Menschen mit langen Beinen aber über 180mm vor. Ich komme nach den üblichen Näherungsformeln auf über 180mm, und fühle mich zwischen 170 bis 180mm wohl; werde mir aber sicher keine 180er mehr kaufen, weil man im Alter nicht unbedingt flexibler wird.
Ich bin übrigens immer mit sehr hoher Kadenz gefahren - erst der 1x12-Antrieb des MTB hat mich gezwungen, zu "lernen", auch mal mit niedrigerer Trittfrequenz zu fahren, weil die Gangsprünge halt schon zum Teil recht groß sind... jetzt mit höherem Alter sinkt auch der "Wohlfühlbereich"; ich bin auch auf dem RR eher zwischen 85-95 unterwegs als 95-110.
Die angehängten Graphiken habe ich aus
https://www.ucsfcme.com/cycling/bikefit/syllabus/Myths and Science of Cycling.pdf kopiert