Rennrad-News

Eine Reportage von Trondheim-Oslo
Auf dem Rad durch die Mittsommernacht

Heute um 22 Uhr starten in Norwegen wieder tausende Rennradfahrer in die Nacht zu „Den Store Styrkeprøven“. Die große Kraftprobe – so der deutsche Titel – hat Kultstatus unter Radfahrern in der ganzen Welt. Der Clou: Die 540 Kilometer von Trondheim in die norwegische Hauptstadt Oslo werden nonstop zurückgelegt. Zwei gemeldete Teilnehmer sind dieses Jahr bereits zum 30. Mal dabei. Auch Gunnar Fehlau hat sich schon mehrmals an die Distanz gewagt. Seine Reportage von der letzten Austragung zeigt, was die Ultramarathon-Fahrer in den nächsten Tagen und Nächten erwartet.

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Es ist Mittsommer, Freitag Abend, 22:00 Uhr. Zwischen den beiden Türmen des Doms, dem Wahrzeichen von Trondheim, blinzelt die Abendsonne hindurch. Die Luft ist kühl, vom Hochsommer fehlt aber noch jede Spur. Ich bilde mit 59 anderen Radlern den ersten „Startpuljer“ des Radklassikers Trondheim-Oslo. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Individualisten. Wir können das Zeitlimit von 36 Stunden für die 540 Kilometer lange Strecke voll ausschöpfen.

# Das Rad in voller Montur - Die Ortlieb Saddle Bag ist keine Bikepacking-Tasche, sondern schlicht die größte Satteltasche des Herstellers und ein echter Klassiker
# So sieht es aus, wenn man mit Zug und Fähre anreist

Am nächsten Morgen ab 4:00 Uhr starten die Rekordjäger, organisiert in 30 Mann starke Teams, die den Marathon als langes Mannschaftszeitfahren verstehen. Der aktuelle Rekord liegt bei 12:51 Stunden. Die Besten erreichen Oslo also weit vor Mitternacht. Das Abendbrot haben sie schon hinter sich, wenn für uns die dämmerige letzte Nacht beginnt. Und mit ihr kommen Einsamkeit und Zweifel. Trondheim-Oslo ist keine Tour für Sonntagsfahrer! Das Rennen und Finishen beginnt im Kopf. Der Gedanke, die Ziellinie zu überfahren, ist so fesselnd, dass man Schmerz, Hunger und Langeweile auch über viele Stunden vergessen kann und dem unberechenbaren Wetter trotzt. Mein Traum lautet: Einmal nachts übers „Dovre Fjell“ fahren und dem Himmel ganz nahe sein. Das gelingt nur mit einem Nachtstart in Trondheim. Andernfalls passiere ich das Fjell lediglich tagsüber. Das Startsignal reißt mich aus den Gedanken! Ein erster Tritt in die Pedale, tausende folgen…

# 22:00 Uhr Ortszeit - Trotz wolkenbedecktem Himmel ist es taghell. Auch wenn beschaulicher als bei einem Dorf-Kriterium gestartet wird, tut Konzentration Not

Das Realitätsprinzip

„Oslo 538
Oppdal 115
Klett 11“

lese ich auf einem Verkehrsschild, das ich mit meinen Begleiter, ein „Yukon“ von Van Nicholas, kurz hinter Trondheim passiere. „Das pure Realitätsprinzip“, denke ich mir. Dieses Schild, kaum einen Quadratmeter groß, fröhlich orange, verheißt Erfolge, Niederlagen, Durststrecken und Höhenflüge zugleich. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, bringt es mich auf den Asphalt der Realität zurück. Für das orangene Schild ist es einfach nur ein lauer Sommertag. Den rund 1.200 Radfahrern, die es an diesem Wochenende passieren, wird es nicht Gewahr. Für die Radfahrer ist es hingegen der Höhepunkt des Jahres, für manche gar der Tag ihres Lebens.

# Quäl' Dich gerne - Wer noch so lächeln kann, wenn das Schild in Sicht kommt, ist wie gemacht für Trondheim-Oslo
# Die Batterien des IX-Back sind frisch und bereits fürs Abenteuer - Ein zweites Rücklicht ist in der Satteltasche verstaut … sicher ist sicher!
# Der Autor schreibt und erdenkt auch für das Magazin fahrstil

Kühler Kopf spart Energie

Viele Teilnehmer haben ihr Rennen nicht auf den unzähligen Hügeln vor Oslo verloren, sondern hier auf der trügerischen Ebene der ersten 70 Kilometer. Von Tatendrang getrieben und ohne Respekt jagten sie über die Ebene. 400 Kilometer später rangen ihnen die giftigen Hügel die Erkenntnis ab, dass sie ihre Körner bereits viel zu früh verschossen hatten. Wir radeln am Anfang eher gemütlich, unsere Körper geben das Tempo vor. Die Leistungsmessung der Quarq-Kurbel gibt mir die Sicherheit, nicht über meine Verhältnisse zu fahren. Für den Notfall habe ich ein paar Riegel neben Kamera und Flickzeug in kleinen Taschen griffbereit direkt am Rahmen verzurrt. Viele Fahrer überholen mich, viele werde ich wiedersehen…

Grundsatzfrage: Temporausch oder Naturgenuss?

Sokndal, Kilometer 62: Nach einem zwölf Kilometer langen Anstieg, der uns auf ein Plateau vor dem Dovre Fjell bringt. Dank der reichlich leichten Gänge meiner 22-Gang Sram Force waren die bisherigen Anstiege gut zu meistern. Auf Ebenen sowie Abfahrten ist ebenfalls genügend Spielraum vorhanden, um flink voran zu kommen. Ich radle bei leichtem Gegenwind und habe Gelegenheit, die urwüchsige Natur Norwegens zu genießen. Das ist eine Grundsatzfrage dieses Marathons: Entweder ich lasse mich auf die Natur und deren Erleben ein, oder ich fahre das Rennen schnellstmöglich – Kompromisse erhöhen die Gefahr unerfüllter Erwartungen.

# Schwankungen: alleine und gut drauf bei schlechtem Wetter...
# ...und gemeinsam gut gelaunt bei gutem Wetter - Hier mit dem ehemaligen Profi Uwe Raab

Traumziel erreicht

Bei Kilometer 150, kurz vor dem höchsten Punkt der Tour, bin ich an meinem persönlichen Ziel: Die Weiten des Dovre Fjells werden zart von der Mitternachtssonne erhellt, einige Wolken schieben sich dazwischen. Nur ich und die Natur. Einzig mein heller b+m Core-LED-Scheinwerfer stört in diesem Fall das Erlebnis. Ich schalte ihn aus und möchte das Spiel von Nachtlicht und Plateau pur genießen. Schnell haben sich meine Augen an die Dämmerung gewöhnt. Steine, Sträucher und Anhöhen werden Schatten, manche sehen aus wie Fabelwesen, andere wirken wie Scherenschnittbilder von Wanderern. Die Melange aus Müdigkeit und Mittsommernachtslicht stachelt meine Phantasie an und macht es mir warm ums Herz. Dabei hat es sich auf sechs Grad abgekühlt. Ich radle glückselig dahin. Einzig von hinten bin ich durch meine beiden Akkurücklichter als zwei rote Punkte noch wahrzunehmen. Dadurch bin ich für äußere Betrachter ein Teil des bunten Farbenspiels geworden.

# Wenn Träume wahr werden - Nachts alleine über das Dovre Fjell, nur die Lichtschranke mit UV-Blitzanlage stand am Wegesrand
# Läuft beim Autoren - Auch nach über 14 Stunden kommen solide Wattwerte aufs Pedal
# Merkwürdige Aufmunterung auf Norwegisch, in der das Wort Idiot vorkommt

Der einsetzende Regen holt mich zurück ins Jetzt. Meine Regenkleidung und warme Kleidungsstücke für die Nacht habe ich im Vorfeld in einer wasserdichten Ortlieb Saddle-Bag Bikepacking-Tasche griffbereit untergebracht. Ich streife die Regenjacke über und ziehe die Regenhose an. Mein Schuhe sind bereits durch, für die nächsten 200 Kilometer bleiben die Füße nass, aber der Körper trocken. Nachdem ich mich präpariert habe, bleibe ich noch einen Moment stehen und atme tief durch: Wunderschön ist es hier oben. Auch bei Regen! Ich springe wieder auf meinen Titanrenner. Die weiße Kirche von Fokstua signalisiert den Beginn der gigantischen Abfahrt Richtung Dombas. Der Fahrtwind kühlt mich reichlich aus. Ich bin fast froh, als die Abfahrt sich spürbar abflacht und ich damit langsamer unterwegs bin.

Ein Lift in Blau und Gelb

Ich erreiche Kvam bei Kilometer 263 kurz vor 8:00 Uhr morgens und bin verwundert: Eine ganze Truppe in Blau, knapp 20 Fahrer stark, werkelt geschäftig in der „Matstasjoner“. Daneben nochmal knapp ein Dutzend Radler in gelbem Dress. Bin ich bereits derart schlafgemangelt, dass ich deren Überholen in der Nacht gar nicht bemerkt habe, frage ich mich. Plötzlich setzt ein Stadionsprecher ein und die beiden Mannschaften formieren sich. Die wenigen Zuschauer beginnen lautstark von Zehn herunter zu zählen. Jetzt dämmert es mir: Das ist der Start zur verkürzten Kraftprobe ab Kvam. Die Fahrer müssen „lediglich“ 270 Kilometer zurücklegen. Das lasse ich mir nicht entgehen! Ich klicke ebenfalls in meine Pedale und hänge mich hinter die zwei Teams in den Windschatten. Mit 33 Stundenkilometern rollern sie über die Ebene. Eine angenehme Reisegeschwindigkeit. Dieser Lift funktioniert über viele Kilometer vorzüglich.

Komfort kommt von Qualität

Über viele Stunden in Sattel zu sitzen und viel Druck auf die Pedale zu bringen, ist nicht alleine eine Frage des Sitzfleisches und der Leidensfähigkeit, sondern auch der richtigen Ausrüstung: Ich habe über ein Jahr einen Kernledersattel, Modell „Swift Titan“ von Brooks, eingefahren und mein Rad mit extra dickem Lizard Skins Lenkerband versehen. Um das Pannenrisiko auf dem teils sehr rauen Asphalt zu minimieren, sind die Reifen schlauchlos mit Dichtmilch montiert. Die 28mm breiten „Pro One“ von Schwalbe sind schnell und zuverlässig. Für meine Langstreckenherausforderungen ideal.

# Gern genommen auf der Langstrecke wird der Brooks Swift Sattel - Nieten nachhämmern nicht vergessen, wenn die Decke sich senkt!
# Schwalbe Pro One Reifen im Tubeless Setup senken den Rollwiderstand

Wenn Hügel zu Pässen werden

Glaubt man den Routiniers der Kraftprobe nämlich, „beginnt das Rennen erst in Lillehammer“. Auf den anschließenden 180 Kilometern reihen sich unzählige Hügel aneinander. Kaum einer hat mehr als 50 oder 100 Höhenmeter. Doch wir haben bereits über 400 Kilometer in den Beinen, Bürgersteigkanten werden zu Bergen und Hügel zu Pässen. Die Beine sind nun langsamer, die Aufmerksamkeit schwindet und eine nicht enden wollende Reihe von Anstiegen baut sich vor uns auf. Wer sich keine Reserve zurückbehalten hat, der geht bitterlich ein. Jedes Watt, das man auf den Ebenen übermütig auf die Pedale gab, fehlt hier fürs Fortkommen. Nur Wenigen ist es gegeben, in diesem Stadium des Rennens noch an Tempoverschärfung oder gar taktische Geplänkel zu denken. Meist herrscht der blanke Kampf. Das steht auch in die Gesichter der überholten Radfahrer geschrieben. Wer sich hingegen fit fühlt oder ein Stimmungshoch hat, der fliegt über die Hügel: Bei der Abfahrt wird der Schwung für die nächste Welle geholt. Wessen Beine bereits lahm sind, wo der Kopf das Ziel aus den Augen verloren hat oder wem das Wetter übel mitgespielt hat, dem helfen die Abfahrten nicht. Es will einfach nicht mehr flutschen. Das Rennen zeigt seine harte Seite: Trotz aller Gemeinschaft bleibt die Fahrt ein Egotrip! Wers nicht drauf hat, fällt hinten raus. Ich bin froh, noch „Saft in den Schenkeln zu spüren“, und schwelge in Gedanken. Die Kilometer gehen dahin.

# Höhenprofil - Erst hoch, dann ein paar hundert Kilometer wellig

Radlerfalle Autobahn

15 Kilometer vor dem Ziel biegt die Strecke auf die Autobahn ab. Veteranen wissen, dass nun der letzte lange Anstieg des Rennens folgt. Schier endlos bahnt sich die Straße in einer langen Rechtskurve den Berg hinauf. Das blanke Ankommen wird zur Maxime. Der olympische Gedanke treibt mich voran. Jetzt, wo nur noch zehn Kilometer zu fahren sind, weiß ich, dass ich mich zu den ganz Starken zählen darf. Nach 19:22 Stunden rolle ich unter dem Zielbogen hindurch. Geschafft!

Infos des Veranstalters: www.styrkeproven.no

Im Rennrad-News Forum gibt es einige Erfahrungsberichte und Tipps zu Trondheim Oslo. Zum Beispiel hier: Trondheim-Oslo im Forum

Könnt ihr euch vorstellen, so eine Härteprüfung zu bestehen?

# Der Autor im Ziel - Das Lächeln ist nicht ganz schmerzfrei, was nach 19:20 Radfahren nachvollziehbar ist

Text: Gunnar Fehlau / Fotos: Fehlau, Kay Tkatzik/pd-f, Sportograf
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