Swiss Side kritisiert UCI Felgentiefe allein macht nicht unsicher

In einem offenen Brief an die UCI kritisiert Laufradproduzent Swiss Side, der auch Aero-Forschung für andere Hersteller betreibt, die geplanten neuen Regeln zur UCI Felgenhöhe.
Titelbild

Swiss Side Kritik an UCI

Laufradbauer und Aero-Forscher Swiss Side hat sich mit einem Offenen Brief an den Weltradsportverband UCI gewandt und fordert die geplante Begrenzung der erlaubten Felgenhöhe im Straßenrennsport zu überdenken. Hintergrund: Swiss Side baut zum einen eigene, zum Teil gerade erst erneuerte Aero-Laufräder, deren Felgenprofil höher ist als die für 2026 geplanten UCI Grenze von 65 mm. In unserer Galerie der Profi-Rennräder der Tour de France 2025 war zum Beispiel das Van Rysel RCR-F Aero-Rennrad des Decathlon AG2R La Maondiale Team mit den Laufrädern der Schweizer ausgestattet. Swiss Side Gründer Jean Paul Ballard ist mit seinem Unternehmen aber auch an Aero-Optimierung für andere Hersteller beteiligt, unter anderem für Laufräder von DT Swiss oder Aero-Rennräder von Canyon.

Die UCI will in einer geplanten Neuregelung der Equipment-Vorschriften die Felgenhöhe ab Januar 2026 auf 65 mm begrenzen, der UCI zufolge, um die Sicherheit zu erhöhen, weil hohe Felgen das Lenkverhalten von Rennrädern beeinflussten. Auch die jüngste Entscheidung zu Neuregelung der Lenkerbreite stieß bereits auf breite Kritik.

Ballard kritisiert in dem heute veröffentlichten Offenen Brief nun auch die Entscheidung zur Felgentiefe. Nach eigenen Angaben forscht Swiss Side seit 10 Jahren intensiv zu dem Thema Lenkeinfluss von Aero-Laufradsystemen am Rennrad und hat dabei im Windtunnel nachgewiesen, dass die Felgentiefe allein nicht ausschlaggebend für Einflüsse auf die Lenkung am Rennrad ist.

Nicht die absolute Felgentiefe, sondern das Zusammenspiel aus Reifen, Felgenform und Fahrradgeometrie entscheide über Vorhersehbarkeit und Sicherheit. Swiss Side fordert deshalb, die Regel nochmals wissenschaftlich zu überprüfen, die Industrie einzubinden und einen realistischen Zeitplan (frühestens 2027) zu wählen.

Swiss Side UCI Brief im Original

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Offener Swiss Side Brief an die UCI Übersetzung im Wortlaut

Mittwoch, 16. Juli 2025
Thalwil, Schweiz

Betreff: Maximale Felgenhöhe für UCI-Straßenrennen

Sehr geehrter Herr Lappartient, sehr geehrte Mitglieder des UCI-Management-Komitees,

ich wende mich an Sie im Zusammenhang mit der jüngsten Änderung des UCI-Reglements vom 12. Juni 2025 sowie der Klarstellung vom 20. Juni 2025, insbesondere bezüglich der maximal zulässigen Felgenhöhe.

Swiss Side fühlt sich in höchstem Maße der Sicherheit im Radsport verpflichtet – sowohl im Wettkampf als auch für Endverbraucherinnen und Endverbraucher. Wir begrüßen daher jede Initiative, die nachweislich zu mehr Sicherheit im Renn- und Alltagsradfahren führt.

Bedeutung aerodynamischer Forschungsarbeit

Swiss Side ist seit Jahren eine der treibenden Kräfte in der Forschung und Entwicklung von Straßen- und Zeitfahrlaufrädern. Neben der strukturellen und funktionellen Integrität des Wheel-Tyre-Systems (WTS) ist vor allem dessen aerodynamische Stabilität und vorhersehbares Handling bei wechselnden Windbedingungen sicherheitsrelevant. Zu diesem Zweck führen wir umfangreiche Windkanaltests und Messfahrten auf der Straße durch – und haben dafür eigene Messsysteme entwickelt. Ein zentrales Kriterium ist das Lenkmoment, also jene Reaktionskraft des vorderen WTS, die die Fahrerin bzw. der Fahrer bei Seitenwind (Gier-/Yaw-Winkel) am Lenker spürt. Unsere Messungen der letzten zehn Jahre zeigen eindeutig, dass das Lenkmoment direkt mit Stabilität, Vorhersehbarkeit und damit Sicherheit korreliert.

Einfluss der Felgenhöhe

Unsere Daten aus Windkanal, Straßentests und Fahrerfeedback belegen: Die Felgenhöhe hat nur begrenzten Einfluss auf Stabilität, Handling und Sicherheit. Entscheidend sind vielmehr:

  • Reifenbreite
  • Reifenprofil (und dessen aerodynamische Wirkung)
  • Lenkgeometrie des Rahmens (Lenkkopfwinkel und Nachlauf)

Die Felgenform und -tiefe erlauben hingegen eine feine Abstimmung der Fahreigenschaften. Tiefere Felgen bieten nicht nur mehr Verwindungssteifigkeit und rotatorische Stabilität, sondern ermöglichen oft auch eine optimierte aerodynamische Charakteristik. Eine schlecht konstruierte Felge oder eine ungeeignete Felge-Reifen-Kombination kann dagegen unruhig, unvorhersehbar und damit unsicher sein – völlig unabhängig von der Felgentiefe.

Beispielmessung dreier World-Tour-Laufräder (jeweils mit 28 mm Reifen, 45 km/h)

Felgentiefe Modell Gewichtetes Lenkmoment
68 mm Swiss Side HADRON³ 680 0,45 Nm
60 mm „Wheel C“ 0,60 Nm
50 mm „Wheel D“ 0,51 Nm

Obwohl am tiefsten, weist die 68-mm-Felge das geringste Lenkmoment auf und ist somit objektiv das stabilste und sicherste Laufrad in diesem Vergleich.

Kritik am geplanten 65-mm-Limit

Die vorgeschlagene Begrenzung der Felgentiefe auf 65 mm ab 2026 ist daher, gemessen am Lenkmoment und den realen Handlingeigenschaften, wirkungslos oder gar kontraproduktiv. Reglementsentscheidungen sollten zwingend auf objektiver, wissenschaftlicher Grundlage getroffen werden – unter Einbeziehung von Industrie, Teams und Expertinnen sowie Experten.

Entwicklungsaufwand

Die Entwicklung eines High-End-Straßenlaufrads dauert rund 2,5 Jahre und umfasst fünf jeweils etwa halbjährige Phasen:

  1. Projektvorbereitung, kontinuierliche Forschung, Marktanalyse, Zieldefinition
  2. Aerodynamische Entwicklung (CFD-Simulationen, Windkanaltests von 3-D-gedruckten Prototypen)
  3. Konstruktiver Aufbau in Verbundwerkstoff, Werkzeugkonstruktion
  4. Prototypproduktion mit mehreren Iterationen
  5. Finale Prüfungen, Zulassung und Serienanlauf

Die Gesamtkosten liegen im sechsstelligen Euro-Bereich und amortisieren sich in der Regel über einen Produkt-Lebenszyklus von vier Jahren.

Eine Vorlaufzeit von nur sechs Monaten – wie bei der nun kommunizierten 65-mm-Grenze – ist somit völlig unzureichend. Für Swiss Side kam die Nachricht nur zwei Wochen vor der Markteinführung unseres neuen HADRON³ Ultimate 680 – nach Jahren intensiver Entwicklung ein immens kostspieliger Rückschlag.

Auswirkungen auf die gesamte Branche

Der Radsport lebt von einer vielfältigen Markenlandschaft. Kurzfristige Reglementsänderungen gefährden:

  • Hersteller, die ihre Investitionen nicht mehr amortisieren können
  • Händler und Distributoren mit plötzlich unverkäuflichen Warenbeständen
  • Amateur- und Profiteams, die ihr Material nicht mehr einsetzen dürfen
  • Endkundinnen und Endkunden, die Produkte erwerben, die unter Umständen bald nicht mehr regelkonform sind

Die finanziellen Folgen für die gesamte Lieferkette – bis hin zum Endverbraucher – sind enorm.

Appell an die UCI

Die UCI sollte ihrer Rolle als verantwortungsbewusster, objektiver und inklusiver Dachverband gerecht werden. Wir fordern deshalb:

  • Aufschub oder Überarbeitung der Felgentiefenbegrenzung – frühestens ab 2027
  • Einbindung von Industrie, Marken, Teams und Expertinnen sowie Experten in den Entscheidungsprozess
  • Fundamentale Entscheidungen ausschließlich auf messbaren, sicherheitsrelevanten Kriterien

Nur so lassen sich echte Fortschritte für die Sicherheit im Renn- und Alltagsradsport erzielen.

Mit freundlichen Grüßen

Jean-Paul Ballard
CEO & Co-Founder, Swiss Side Technologies AG

Was sagt ihr zur Stellungnahme von Swiss Side?

Foto: Swiss Side

97 Kommentare

» Alle Kommentare im Forum
  1. Btw Mohoric sagt nach der Etappe heute und völlig irrer, sinnloser Abfahrt auf nassem, schmierigen Kopfsteinpflaster es war ihm egal ob er Abends zum Dinner oder ins Krankenhaus fährt. Da sieht man die Mentalität die zu den Stürzen führt die es gibt. Da ändert kein Lenker und kein Hochprofil was dran.
    Pokal oder Spital!

    Aber klar: Whataboutism hilft generell bei jeden Problem weiter.
  2. Leider nein. Einige Fahrer kritisieren auf social Media deutlich dass der Effekt nur bei einer wesentlich deutlicheren Regel eingetreten wäre. 20 oder 30mm. Dafür dann Etappen wie heute in Paris für die Sicherheit, 7000 Pfund vorteq Anzüge, tt Reifen im Straßen Rennen und gelockerte aero Regeln für Framesets.
    Das einige Fahrer diese Regel kritisieren, heißt doch nicht, dass sie u.a. mit der Fahrergewerkschaft abgesprochen sind.
  3. Das einige Fahrer diese Regel kritisieren, heißt doch nicht, dass sie u.a. mit der Fahrergewerkschaft abgesprochen sind.
    Wo selbst deren Sprecher inzwischen zitiert wird, dass das wohl keine so gute Idee war? Und wie hoch war anfangs noch der Anteil der sehr lauten Protagonisten die sich gegen Scheibenbremsen ausgesprochen haben?

    Ich empfehle (für die keine eigenen Daten haben) die bekannten Quellen zu den Unterschieden zwischen 65 und 80mm zu befragen. Wie schon mehrfach beschrieben... Niedrige einstellige Watt.

    Gleichzeitig kann man sich die Geschwindigkeiten anschauen in den Abfahrten. Wo die Geschwindigkeit mehrheitlich davon abhängig ist wann man bremst.

    Und man kann sich versuchen daran zu erinnern, welche Situationen zu den Ausfällen nach Stürzen bei der aktuellen Tour de France geführt haben. Das Verhalten einzelner Fahrer war dabei, Bunch Dynamic, Streckenführung/Straßenaufbauten.... Einfach nur gradeaus wegen zuviel aerospeeed kann ich mich an keinen einzigen erinnern.

    Ich kann das mit den Lenkern verstehen wenn es um die extremen Auswüchse geht. Das kann wirklich extrem aero sein und mindestens an den hoods auch gewisse Einschränkungen mit sich bringen. Bei den Laufrädern bringt es einfach nur extrem wenig und ist der Effekt schlicht extrem niedrig und gleichzeitig bestraft es Hersteller und Besitzer sehr kurzfristig bei einer ziemlich teuren Position. Während aerodynamisch andere sehr effektive Positionen weiterhin legal sind und weiter ausgebaut werden und bei wieder anderen die Regeln sogar gelockert werden. Das macht einfach keinen Sinn.
  4. Ich denke da wird in den kommenden Jahren an allen Strllschrauben sukzessive noch mehr gedreht.

    Dass einer der größten Faktoren oben auf dem Sattel sitzt ist klar. Vielleicht wird da im Kartensystem bzw. dessen Anwendung ja auch noch nachgeschärft.

  5. Wo selbst deren Sprecher inzwischen zitiert wird, dass das wohl keine so gute Idee war? Und wie hoch war anfangs noch der Anteil der sehr lauten Protagonisten die sich gegen Scheibenbremsen ausgesprochen haben?

    Ich empfehle (für die keine eigenen Daten haben) die bekannten Quellen zu den Unterschieden zwischen 65 und 80mm zu befragen. Wie schon mehrfach beschrieben... Niedrige einstellige Watt.

    Gleichzeitig kann man sich die Geschwindigkeiten anschauen in den Abfahrten. Wo die Geschwindigkeit mehrheitlich davon abhängig ist wann man bremst.

    Und man kann sich versuchen daran zu erinnern, welche Situationen zu den Ausfällen nach Stürzen bei der aktuellen Tour de France geführt haben. Das Verhalten einzelner Fahrer war dabei, Bunch Dynamic, Streckenführung/Straßenaufbauten.... Einfach nur gradeaus wegen zuviel aerospeeed kann ich mich an keinen einzigen erinnern.

    Ich kann das mit den Lenkern verstehen wenn es um die extremen Auswüchse geht. Das kann wirklich extrem aero sein und mindestens an den hoods auch gewisse Einschränkungen mit sich bringen. Bei den Laufrädern bringt es einfach nur extrem wenig und ist der Effekt schlicht extrem niedrig und gleichzeitig bestraft es Hersteller und Besitzer sehr kurzfristig bei einer ziemlich teuren Position. Während aerodynamisch andere sehr effektive Positionen weiterhin legal sind und weiter ausgebaut werden und bei wieder anderen die Regeln sogar gelockert werden. Das macht einfach keinen Sinn.
    Na ja, du schreibst ja selbst "inzwischen". Ich kann deine Argumentation nachvollziehen und gebe dir zum Großteil recht. Mir ging es nur darum, dass du auf die Anmerkung von @Don Vito Campagnolo , dass die Regeländerungen nicht vom Himmel fielen und vorher auch mit der Fahrergewerkschaft kommuniziert wurden mit "Leider nein..." geantwortet hast.
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