Die Idee das Stilfser Joch in der Nähe des Rheinlands nachzufahren entpuppte sich schnell als das, was sie ist – unsinnig. Aber Alles begann mit diesem fixen Gedanken, die berühmten 48 Kehren des italienischen Pässe-Mythos in einem Tagesausflug nachfahren zu wollen. Update 29.06.2020: GPS-Daten zur Tour gibt es jetzt auch.

Tourenreportage

Als im Zuge unsicheren Reisesituation Italien unerreichbar entfernt lag, lockte Luxemburg als sicherer Hafen ohne weitere Einschränkungen durch geschlossene Grenzen. Es schien wie der perfekte Zeitpunkt, um das Experiment “Stilfser Joch vor der Haustür” im deutsch-luxemburgischen Grenzgebiet anzugehen.

Also machte ich mich auf den Weg in das Nachbarland. Vor Ort kommt aber schnell die Einsicht: Spitzkehren gibt es zwar eine Menge auf der Tour, aber bei den Höhepunkten des Ausflugs sollte man doch eher woanders anfangen. Zum Beispiel bei der Statistik: Immerhin 3.000 Höhenmeter und 160 Kilometer gibt es zu absolvieren. Oder, was vielleicht in internationalen Geo-Apps noch etwas eindrucksvoller klingt: 100 Meilen Strecke mit 10.000 Fuß Höhendifferenz.

Buchen und Felsen: So sehen Kehren und Prozente im Nachbarland häufig aus
# Buchen und Felsen: So sehen Kehren und Prozente im Nachbarland häufig aus - Foto: David Fleschen

Dazu kommt für den Corona-entwöhnten Reisenden zumindest ein bisschen internationales Flair beim Überschreiten der Grenzen auf, was damit beginnt, dass sich die Reise in den Norden von Luxemburg mit dem PKW aufgrund der Umfahrung der immer noch geschlossenen Grenzen zu Belgien als kleines kurviges Abenteuer gestaltet und man dann am Startpunkt, dem Bahnhof von Troisvierges, immerhin in vier Sprachen auf das Tragen von Masken im Zug hingewiesen wird.

Das sollte einen nicht davon abhalten, den Tag aber unter dem Stichwort “Genussradeln” zu beginnen. Schön glatt ist Asphalt auf der Vennbahntrasse, der gleich hinter dem Bahnhofsparkplatz beginnt. Es lohnt sich, diese einigermaßen flachen Passagen zu goutieren, denn davon wird es an diesem Tag nicht besonders viele geben.

Bald weitet sich das Panorama. Tief unten durchneidet der deutsch-luxemburgische Grenzfluss Our die Landschaft. Man kann die wieder gewonnene Reisefreiheit hier besonders deutlich spüren. Überall sind Europafahnen hochgezogen. Kein einziger der Grenzübergang ohne selbstgebastelte Europaflaggen und von Kindern gemalte Plakate. Hier, wo die Grenze manchmal mitten durch die historisch gewachsenen Dörfer verläuft, waren die Grenzschließungen offensichtlich ein echter Einschritt.

Eigentlich erstaunlich, dass die Region nicht noch viel beliebter bei Fahrer mit Höhenambitionen ist. Alle paar Kilometer führen hier so gut wie autofreie Nebensträßchen in kurvenreichen Passagen auf die Hochebenen. Der Asphalt ist fast immer ausgezeichnet, die Steigungen pendeln in den steilsten Rampen meist zuverlässig um die zehn Prozent und lassen sich so sehr rhythmisch durchfahren. Als kleiner Bonus kommt dazu, dass man seit März im Großherzogtum kostenlos mit Bus und Bahn unterwegs ist und so völlig unkompliziert zum Ausgangspunkt zurückgelangen kann.

Schnell kommen ordentlich Höhenmeter zusammen. Zwei doppelte Passpassagen warten mit jeweils um die 2×2 mal 200 Höhenmetern rechts und links der Our. Die schwierigste Passage davon, der Col de Groesteen, bringt es dabei immerhin auf knapp 300 Höhenmeter und acht Spitzkehren und ist dabei auch noch mit einem Mythos behaftet: Im Jedermannrennen La Charly Gaul, seinerseits eine Verneigung vor Luxemburgs einzigem Tour de France-Sieger, ist der Pass eine der großen Härteprüfungen.

Hier ist also eindeutig das Terrain der Bergspezialisten. In Passlandschaften, die eine bestimmte Dramaturgie erkennen lassen: Enge Spitzkehren durch dichte Buchenwälder führen schnell aus dem Tal hinauf, auf den oberen langen und oft windigen Geraden heißt es bis zum Gipfel dagegen oft Zähne zusammenbeißen. Es zieht sich.

Im kleinen Städtchen Vianden hat man nach ein paar Stunden schon fast 2.000 Höhenmeter zusammen. Der Muskulatur merkt man die Belastung langsam an. Belastungstechnisch ist ein Vergleich mit den Alpen jetzt durchaus angebracht. Die Mittagspause ist verdient.

Aussicht auf Vianden
# Aussicht auf Vianden - © Jonathan Godin / LFT

Dazu passt, dass es nun in engen Kehren gegenüber von einem Sessellift wieder steil nach oben und kurz darauf durch enge Felsschluchten in der sogenannten Kleinen Luxemburger Schweiz geht. Man trifft jetzt verstärkt auf einheimische Rennradler und passiert Postkartenmotive wie den Wasserfall Schießentümpel oder die Felsformation Predigtstuhl.

Die Anstiege werden flacher, der Körper ist gefühlt dennoch immer näher an der anaeroben Schwelle. Eine kurze Steigung auf Kopfsteinpflaster wird zu einem kurzen Härtestet. Nur langsam nähert man sich so der luxemburgischen Hauptstadt und kann eine Entscheidung fällen. Entweder schnell zum Bahnhof und dann zurück zum Ausgangspunkt, oder noch ein wenig finales Auspowern mit Leistungskosmetik quer durch die Hauptstadt: Fünfmal hoch auf ein Hochplateau, und dann wieder zurück ins Tal der Alzette. Ein bisschen Sightseeing, ein bisschen finales Schaulaufen: Noch ein paar Höhenmeter, noch ein paar Spitzkehren, noch mal alles geben.

Entscheidet man sich für Option Zwei, stehen die Chancen nicht schlecht, dass man sich am Ende mit den allerletzten Körnern die letzten 40 Höhenmeter über die Spitzkehre der Rue de Prague mitten im Zentrum von Luxemburg hinaufschleppt. Reicher um mindestens zwei Erkenntnisse: Auch wenn sich die Alpen nicht nach Norden verlagern lassen, kann man hier radfahrerisch ohne weiteres alpine Gefühle erleben.

Auch im Zentrum von Luxemburg gibt es noch einmal Gelegenheit Höhenmeter zu bewältigen
# Auch im Zentrum von Luxemburg gibt es noch einmal Gelegenheit Höhenmeter zu bewältigen - © Andreas Kern / LFT
Im kleinen Städtchen Vianden hat man nach ein paar Stunden schon fast 2.000 Höhenmeter zusammen
# Im kleinen Städtchen Vianden hat man nach ein paar Stunden schon fast 2.000 Höhenmeter zusammen - © Andreas Kern / LFT

Reiseinfos und GPS-Daten

GPS-Daten zur Route Fahrt auf Strava / Tour bei Rennrad-News auf Komoot

Streckenprofil 166 Kilometer, sehr wellig, insgesamt 20 kleine bis mittellange Anstiege, über 3.000 Höhenmenter, komplett asphaltiert (90% ruhige Landstraßen, 10% Radwege).

Längster Anstieg Col de Groesteen 281 hm / Steigung: 7 % avg. / 10 % max.
Steilster Anstieg: Fort Doumoulin 56 hm / Steigung 12 % avg. / 18 % max.

Durchfahrene Länder Belgien (ca. 6 Kilometer), Deutschland (ca. 50 Km) und Luxemburg (ca.100 Km)

Verpflegung Cafés und Geschäfte in Vianden (Km 70), Supermärkte in Körperich (Km 80) und Berfort (Km 92), Boulangerien in zahlreichen Dörfern in Luxemburg.

Startpunkt Bahnhof Troisvierges / großer kostenloser P+R Parkplatz, Bikestation mit Schlauchautomat und Luftpumpe (www.bikestation.lu)

Rücktransport Züge von Luxemburg-Stadt nach Troisvierges alle 30 Minuten, Fahrtzeit ca. 1:10 Stunden, kostenlos (inkl. Fahrradmitnahme) und ohne Ticket, letzte Abfahrt 21.44 Uhr (zurzeit Maskenpflicht im ÖPNV).

ACHTUNG Im Sommer 2020 gibt es umfangreiche Bauarbeiten und Streckensperrungen auf dieser Bahnstrecke. Fahradtransport im Schienenersatzverkehr ist nur eingeschränkt und nach Voranmeldung möglich. Eine Übersicht über die Tage ohne Zugverkehr gibt es hier:
https://www.cfl.lu/getattachment/fe54f8e5-c1dd-4fa9-bb76-526387657db9/web-062020_carte-annuelle-travaux-cfl_update_10062020.pdf

Wie gefällt euch der Reisebericht von David – findet ihr erzählte Berichte mit wenig Bildern auch spannend?


Hier lest ihr mehr zum Thema Rennrad & Reise auf Rennrad-News

Text: David Fleschen / Fotos: siehe Fotos
  1. benutzerbild

    haraldneuss56

    dabei seit 06/2010

    JNL schrieb:

    GPS-Daten sind jetzt im Artikel eingebaut!

    Wenn du dir die Tour in Kommoot anschauen willst dann ist diese auf privat gestellt (ist so gewollt von Komoot, muss man bewusst öffentlich machen)
    bei Strava kannst du die Strecke sehen

    Luxemburg: Kletterpartie im Nachbarland
    Finde das es ein toller Beitrag war zu einer Strecke und auch die Bilder waren sehr inspirierend
    Mehr davon fände ich gut
  2. benutzerbild

    Alu-Renner

    dabei seit 08/2011

    Falls jemand nur die .gpx Datei möchte, ohne sich irgendwo anmelden zu müssen, kann sich auch bei mir melden.
  3. benutzerbild

    TilmanMB

    dabei seit 12/2019

    Klingt sehr verlockend ! Vielen Dank für den Artikel
  4. Kann mich nur anschließen. Da wird man richtig neidisch wenn man den Artikel liest. ( : -))
  5. benutzerbild

    horaz

    dabei seit 07/2020

    Ich bin zwar Deutscher, lebe aber schon seit dreizehn Jahren in Luxemburg. Bin durch Zufall auf den gelungenen Corona-Bericht gestoßen, obwohl ich kein Rennradfahrer sonder MTBer bin.
    Aber! Ganz deutlich: Aber!
    Aber wenn die Luxemburger auf etwas stolz sind - und sie sind auf eine ganze Menge stolz, aber darauf ganz besonders - dann auf ihre Tour-de-France-Sieger. Charly Gaul ist zwar ihr Held, aber gewiss nicht der einzige.
    Davor gab es 1909 François Faber, der die Tour als erster Nicht-Franzose gewann, und dann natürlich Nicolas Frantz der die Tour sogar zweimal gewann 1927 und 1928. Abgesehen davon wird Andy Schleck nach der Disqualifikation von Alberto Contador als Sieger der Tour 2010 gewertet.
    Um in Luxemburg mit dem Rad von A nach B zu kommen, muss man sich viel Gefallen lassen, aber die Rennradfahrer fahren sogar durch den dichtesten Berufsverkehr ihre Runden.

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