International Studies hautnah: Abenteuer statt Vorlesung. Timo Schmidt und Florian Volz haben den Vorlesungssaal gegen den Drahtesel getauscht, und sich auf die Balkanroute gewagt. Ihre Abenteuer verarbeiten die beiden Studenten nun in einen Dokumentarfilm.

Von A für Australien über K für Kanada bis M für Marokko. Die beiden Studenten sind in der Welt daheim. Vor der Doku-Radreise hat Timo (23)  ein Jahr für Amnesty International und anschließend in einem Flüchtlingscamp in Jordanien gearbeitet. Gerade ist er von einem Auslandssemester aus Nimar (Marokko) zurückgekehrt, um mit seinem mit Florian das Filmprojekt Refugee Roads zu beenden.
Auch der 24jähirge Florian ist kein Stubenhocker. Schon früh hat ihn das Fernweh gepackt. Nach längeren Aufenthalten in den USA und Australien konzentriert er sich derzeit im Rahmen seines Studiums auf die Region Afrika und lernt Swahili. Seit 2014 studieren die beiden an der Universität Leiden (Niederlanden) International Studies.

Das Projekt Refugee Roads soll die Europäische ‚Ist‘-Situation in der Migrationspolitik auf eine authentische Art abbilden und auf attraktive Weise beurteilen. 
# Das Projekt Refugee Roads soll die Europäische ‚Ist‘-Situation in der Migrationspolitik auf eine authentische Art abbilden und auf attraktive Weise beurteilen.  - Refugee Roads

Letzten Sommer sind die beiden von Den Haag über Brüssel, Calais, Paris, München, Wien, Bratislava, Belgrad, Skpoje, Thessaloniki und weiter ans ägäische Meer geradelt. Und um anschließend nach Lesbos überzusetzen. 71 Tage waren die jungen Männer unterwegs. Nach rund 2.2000 Kilometer auf dem Rad, brachte sie das Flugzeug von Athen zurück in die Heimat.
Zur genauen Reiseroute mit Reisetagebuch.

Wir hatten die Chance, uns mit Florian über das Abenteuer Refugee Roads zu unterhalten. 

Wie ist die Idee zu Refugee Roads entstanden und warum seid ihr mit dem Rad gefahren?

Die enormen Flüchtlingsströme im Sommer/Hebst 2015 waren mit der Hauptgrund für das Projekt Refugee Roads. Plötzlich war man tagtäglich mit so vielen Menschen konfrontiert, die ihre Heimat verlassen mussten. Man kennt diese Bilder aus den Medien, wir beide dazu analytisch aus Vorlesungen. Doch plötzlich haben diese Schicksale Gesichter bekommen. Wir wollten uns selbst ein Bild machen und erfahren, welche Schikanen auf der Flüchtlingsroute lauern. Das Fahrrad erschien uns dabei das beste Fortbewegungsmittel: Zum einen ist es kostenlos, man frei und flexibel. Zum anderen bekommt man einen wirklich guten Eindruck von den enormen Distanzen und durch die recht langsame Reisegeschwindigkeit kann man viele Eindrücke aufsaugen.

 

Auf welchen Rädern wart ihr unterwegs und wie viel Gepäck hattet ihr dabei?

Wir hatten das große Glück, dass uns MERIDA unterstützt hat und zwei 29er Hardtails Big Nine Team Edition zur Verfügung gestellt hat. Timo war auf einem 19’’ Rahmen unterwegs und ich auf einem 21’’.

# - Refugee Roads

Insgesamt waren wir mit rund 40 Kilo Gepäck unterwegs, die wir auf vier Satteltaschen verteilt hatten. Pro Rad zwei Stück plus einen kleinen Anhänger. Mit dem kompletten Campingequipment (Zelt, Isomatte und Schlafsack), Klamotten, Waschzeug und dem Filmmaterial war es schon eng, aber es hat funktioniert.

 

Wie stark musstet ihr euch einschränken bei der Wahl des Filmequipments?

Um unsere Reise vernünftig dokumentieren zu können, mussten die Kameras klein und leicht, robust und in allen erdenklichen Situationen zuverlässig funktionieren.
Dass sie dabei auch noch eine vernünftige Bildqualität liefern müssen, ist selbstverständlich. Weil wir verschiedenste Ansprüche an die Kameras hatten, haben wir uns für zwei GoPro Hero 4, je eine Black und eine Silver edition entschieden. Auf diese Weise konnten wir unserem qualitativem Anspruch an Actionshots  und Interviewszenen gerecht werden. Für eine bessere Tonqualität haben wir externe Mikos benutzt.

 

Mit welchen Schwierigkeiten hattet ihr bei der Produktion des Filmmaterials zu kämpfen? 

Erstaunlicherweise haben uns Behörden so gut wie keine Hindernisse in den Weg geschoben. Technisch mussten wir ab und zu erfinderisch werden: Immer dann wenn eine der kleinen Schrauben, die man braucht, um die GoPro auf den verschiedenen Halterungen zu montieren, nicht auffindbar war. Aber Improvisationsgeschick ist auf so einem Abenteuer ohnehin das A und O.

Die Grenze Ungarn – Serbien: Stacheldrahtzaun und Maschinengewehr. Doch mit einem deutschen Reisepass kommt man an den schwer bewaffneten Grenzwächtern relativ leicht vorbei.
# Die Grenze Ungarn – Serbien: Stacheldrahtzaun und Maschinengewehr. Doch mit einem deutschen Reisepass kommt man an den schwer bewaffneten Grenzwächtern relativ leicht vorbei. - Refugee Roads

 

Wie habt ihr die Situation auf der Balkanroute empfunden?

Wir haben festgestellt, dass sich die Flüchtlinge auf der Balkanroute in einer Sackgasse befinden – ohne vor und zurück: Wenn man sein Schicksal nicht in die Hände von Schlepperbanden geben möchte, endet die Flucht nach vorne meist an den Grenzzäunen von Ungarn und FYROM. Die Alternative sind Flüchtlingscamps, in denen man zwar Asylanträge stellen kann, dann aber rund ein Jahr auf einen Bescheid wartet. Die Zustände in vielen dieser Behelfsunterkünfte haben uns schlicht den Atem verschlagen.
Doch der Weg zurück in die Heimat kommt für die meisten Menschen auch nicht in Frage, denn dort ist einfach nichts mehr. Nichts, zu dem sich zurückzukehren lohnt.

"One passport... just one fucking passport!" - Florian Volz
# "One passport... just one fucking passport!" - Florian Volz - Refugee Roads

Weder freiwillige Helfer, noch Politiker, weder Einheimische, noch die Flüchtlinge wissen, was die Zukunft bereit hält und in welche (geografische) Richtung sich die Krise entwickeln wird. Die Tatsache, dass keine Lösung gefunden wird, ist für die über 70.000 Flüchtlinge in den überfüllten Camps nicht nur körperlich sondern vor allem psychisch sehr belastend.

Refugee Roads versteht sich mehr als ein Projekt mit moralischem Standpunkt: Es ist eine Darbietung von Weitsicht, Abenteuerlust und Engagement.
# Refugee Roads versteht sich mehr als ein Projekt mit moralischem Standpunkt: Es ist eine Darbietung von Weitsicht, Abenteuerlust und Engagement. - Refugee Roads

 

Habt ihr auf eurer Reise denn auch Lichtblicke erlebt?

Absolut! Was uns auf der ganzen Reise verblüfft hat, war die überwältigende Gastfreundlichkeit. Da war zum Beispiel ein serbischer Mechaniker, der unseren Anhänger repariert hat. Wir durften nicht eher gehen, bevor wir ein Bier mit ihm und seiner Familie getrunken hatten. Oder Mona, eine 55jährige Syrerin: Während sie uns ihre Geschichte erzählte, hat sie darauf bestanden, ihre letzten Brösel Kaffeepulver mit uns zu teilen. Und das obwohl sie an Krebs leidet und unter unvorstellbaren Umständen an der serbisch-ungarischen Grenze lebt.
Wenn einem in solchen Situationen, in denen man absolut nicht damit rechnet, etwas geschenkt wird, wird das eigene Weltbild gehörig verrückt.

 

Wie ist der aktuelle Stand des Projekts und wann kommt der Film heraus.

In den letzten Monaten haben wir uns mit Co-Produzenten, Musikern und Visual Artists zusammengetan. Entstanden ist die erste Folge einer Dokureihe, die in den nächsten Wochen auf unserer Homepage veröffentlicht wird. Weitere Episoden werden folgen, immerhin haben wir mehr als 80 Stunden Filmmaterial auf unserer Reise gesammelt. Updates findet ihr auf hier.

 

Mehr Infos:

Website: www.refugeeroads.com

Facebook: www.facebook.com/refugeeroads

Twitter: www.twitter.com/Refugee_Roads

 

Text: Dominik Ehrich I Bilder: Refugee Roads

Über den Autor

Dominik

Dominik Ehrich – 84er Baujahr – lebt im Chiemgau. Berg- und Wassersport treiben ihn morgens aus dem Bett. Seit 2015 schreibt der Sportwissenschaftler für Rennrad-News.

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