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Der Radfahrsport als Förderungsmittel einer naturgemäßen Lebensweise.

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Der Radfahrsport als Förderungsmittel einer naturgemäßen Lebensweise.

Von J. Gese, Gartz a. 0.

Nun soll das Radfahren gar eine naturgemäße Lebensweise befördern!
Ist nicht im Gegentheil das Radfahren weit eher naturwidrig?

Eine natürliche Fortbewegungsart des Menschen auf dem festen Erdboden ist doch allein das Gehen, allenfalls auch das Laufen. Das Radfahren aber entzieht den Beinen ihre natürliche Bestimmung den Oberkörper zu tragen, indem es diesen auf einen Sattel setzt, und es entfremdet ebenso die Füße ihrer naturgewollten Aufgabe, indem es den ganzen Körper über die Erdoberfläche erhebt und ihm jede Berührung mit dem Boden nimmt. Zu dieser "überirdischen" Art der Bewegung passt es denn auch sehr wohl, dass man bei diesem Sport sogar kurzweg von "Fliegern" spricht. Bedenkt man nun noch, dass das Werkzeug, welches dem Körper diesen Flug ermöglicht, kein natürliches Organ, sondern ein Wunderwerk der modernen Technik, ein Kunsterzeugniss allerersten

Fahre Braun's Dauerreifen.​

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aus: Jahrbuch der deutschen Radfahrer-Vereine Bd. 2, 1897/98, S. 31-41

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Erscheinungsdatum 1897
Signatur Y. 8. 1481-2.1897/98
Lizenz-/Rechtehinweis Public Domain Mark 1.0
 
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und allerneuesten Ranges ist, so leuchtet ohne weiteres ein, dass das Radfahren überhaupt keine naturgemäße, sondern eine hervorragend kunstgemäße Bewegung schafft; da ist nichts Natürliches, sondern nur im besten Falle etwas Künstliches, nichts mit dem Menschen zugleich Entstandenes noch aus seinem Wesen Hervorgegangenes, sondern nur etwas Neuerfundenes, ein Geschenk nicht der Natur, vielmehr der überfeinerten Kultur.

Gewiss, die so reden, sind im Rechte. Und doch ändert dies nichts an der Thatsache, dass das Fahrrad, obgleich eine Errungenschaft der modernen Kultur, durch seine allgemeine Vorwerthung die leider schon in viel zu hohem Maße naturentfremdete Menschheit zur Natur und zu einem naturgemäßen Leben zurück zu führen vermag. So würde sich auch hier bewahrheiten, dass die Entwicklung des Menschengeschlechts sich nicht in einer einfachen aufwärts führenden Geraden vollzieht, sondern in einer allmählich steigenden Spirallinie, die immer wieder zu ihrem Ausgangspunkte zurückkehrt und sich doch bei jeder Wiederkehr eine weitere Stufe über ihn erhebt. Von der Natur weg zur Kultur, dann durch die Kultur zur Natur zurück, so jedoch, dass die Menschheit bei ihrer Rückkehr zur Natur einen höheren Standpunkt einnimmt, als bei ihrem ersten Naturzustande: das ist etwa der Weg, den die Menschheit immer wieder zurücklegt, und auf dessen zweiter Hälfte sich uns das Fahrrad als das zeitgemäßeste und bequemste Beförderungsmittel darbietet.

Zurück zur Natur! Zurück zu einer naturgemäßen Lebensweise! Diesen Ruf hört man jetzt überall erschallen und vielleicht lauter als je zuvor; vielleicht ist diese Mahnung auch berechtigter und nöthiger als je. Nun gut, wir sind’s zufrieden. Uns trägt das Rad ja aus Stube und Werkstatt, aus Lehrsaal und Fabrik, aus rauchgeschwängerten Gaststuben und aus dem Dunstkreis der Städte hinein in die Natur, so recht mitten hinein in die reine, die freie, die ewige Natur, durch ihre Wiesen und Felder und Wälder, an klare Seen und reißende Ströme, an hochragende Berge und ans unendliche Meer.

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So verwandelt unser schöner Sport Stubenhocker und Bierphilister in wanderlustige und bewegungsfrohe Naturfreunde und nähert sie schon dadurch einer naturgemäßen Lebensweise, deren erstes Kennzeichen eben dies ist, dass sie den Aufenthalt in geschlossenen Räumen nach Möglichkeit meiden lehrt und wenigstens die Stätte für die Erholung nach gethaner Arbeit ins Freie verlegt. Das gilt zum mindesten von dem Tourenfahren, oder wie ich lieber für dies eher vorragend deutsche Art des Radeins mit deutschem Worte sagen möchte, von dem Wanderfahren oder den Radreisen. Das Saal- und Kunstfahren, das Bahn- und Rennfahren in allen Ehren, aber die Palme in gesundheitlicher Beziehung dem Wanderfahren! Ich behaupte damit nicht, dass die ersteren von einer naturgemässen Lebensweise abführen, aber sie erschweren den Zugang zu ihr ungleich mehr als das Wanderfahren, indem sie eine Reihe gesundheitfördernder Faktoren ausschliessen. Als naturgemäße Lebensweise gilt mir nämlich zunächst und vor allem nur diejenige, welche die Gesundheit fördert.

Dass aber das Radfahren, versteht sich, das "vernünftige" Radfahren in hohem Maße gesundheitsdienlich ist, darüber sind sich ja nun endlich auch so ziemlich alle Gelehrten einig: wir, die wir seinen Segen am eigenen Körper gespürt haben, waren es schon längst. Und in der That, was kann gesünder sein als das Radfahren? Es giebt uns Gelegenheit zu den schönsten Licht-, Luft- und Sonnenbädern; es nöthigt uns — unabsichtlich und ohne Künstelei— zu den anhaltendsten Übungen im Tiefathmen; es befördert, wie die Ströme des vergossenen Schweißes beweisen, auf das Lebhafteste unsere Hautthätigkeit; es befreit uns gar bald von dem Ballast überflüssiger und einengender Kleidungsstücke; selber ein angewandtes Turnen stärkt und stählt es unsern Körper, macht ihn geschmeidig und wetterhart, erfüllt uns mit gesundem Hunger und lehrt uns auch den brennenden Durst ertragen (Anm. b-r-m: Dehydration war hier wohl noch nicht als Problem erkannt). Kurz das Radfahren beeinflusst in günstigster Weise den Bewegungs-, Atmungs-, Verdauungsapparat des Körpers, die Blutbildung und den Blutumlauf, mit einem Worte den gesammten Stoffwechsel, auf dessen geregeltem

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Verlaufe die Gesundheit beruht. Das sind Thatsachen, die jede R adfahrer mehr oder weniger an sich selbst erfahren hat. Das sind "Wahrheiten" so trivial, dass es Eulen nach Athen tragen, oder Wasser in den Ozean gießen hieße, wollte man hierüber vor Sportsgenossen noch umständlich reden. Wer da meint, dass Krankheiten Vorbeugen besser ist, als sie heilen und Gesundheitspflege das beste Vorbeugemittel, der wird die Benutzung des Fahrrades auch um deswillen nicht mehr entbehren wollen, weil ihm das Fahrrad zur Kräftigung und Erhaltung der Gesundheit wertvoller erscheint, als zu ihrer Wiederherstellung die Mixturen und Pulver der Ärzte oder die Abwaschungen, Güsse und Packungen der Naturheilkundigen.

Hierüber herrscht in Sportskreisen kaum eine Meinungsverschiedenheit. Aber diese erfreuliche Übereinstimmung geht alsbald in die Brüche, wenn wir die Rede auf die dem Radfahrer dienlichste Ernährungsweise bringen, wenn wir Fragen vorlegen wie diese: „Welche Nahrungsmittel und welche Genussmittel sind zur Stillung von Hunger und Durst und zur Erhöhung der Lebensfreude am meisten zu empfehlen? welche gerade noch erlaubt? Welche endlich unbedingt zu meiden?

Statt langathmiger Auseinandersetzungen sei mir eine kurze Beschreibung gestattet, wie ich mir bei meinen häufigen Wanderfahrten, durch reichlich zehnjährige Erfahrung gewitzigt, diese Fragen praktisch beantworte. Dabei bemerke ich, dass ich bald ein vierzigjähriger Mann, kein „Kilometerfresser“ bin, sondern mich so zu fahren bemühe, dass ich in durchaus guter Verfassung, ohne jede Erschlaffung mein Ziel erreiche. Bei dieser Art des Fahrens, die eine Anspannung der Kräfte nicht scheut, sondern nur ihre Überanstrengung, habe ich immerhin 22 deutsche Meilen an einem Tage zurückzulegen vermocht, wohlgemerkt auf meinem alten Knochenschüttler, einem ehrwürdigen Rad mit Vollgummireifen das ich bis 1895 benutzte. Wie weit mich bei gleichem Kraftverbrauch mein neues Adlerrad tragen würde, das habe ich bisher noch keine Gelegenheit gehabt zu erproben, weil mich die Begleitung

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meiner jetzt ebenfalls radelnden Frau in dieser Beziehung zu weiser Mäßigung nöthigt.

Nun also schnell aufs Rad! Der Anzug sei möglichst einfach: er besteht bei mir außer der Fussbekleidung und der Kopfbedeckung, die ich nur beim Passieren von Ortschaften aufzusetzen pflege, um den lieben Mitmenschen allzu großes Staunen und Entsetzen (namentlich im Winter!) zu ersparen, aus langen Beinkleidern ohne Hosenträger, aus Sportshemd und Lodenjoppe. Ein Reservebeinkleid ruht in Wachstuch auf der Lenkstange, die Reservewäsche und sonstiger Reisebedarf füllt den größten Theil der Rahmentasche, die obenauf noch mit Lebensmitteln, besonders Brot, Obst, Chokolade, und einer Flasche Citronensaft, vollends gefüllt wird.

Möglichst früh breche ich auf. Vorher nehme ich, wenn ich es im Sommer bequem und ohne großen Zeitverlust haben kann, noch ein kurzes Fluss- oder Seebad; sonst begnüge ich mich mit einer gründlichen Abwaschung und Abreibung des ganzen Körpers im Zimmer, in dem ich, wie sich für einen Luftfreund von selbst versteht, bei offenem Fenster geschlafen habe. Nun noch schnell einige Schlucke frischen Wassers, dann ohne Frühstück aufgesessen! Wie fährt es sich so leicht dahin mit nüchternem Magen durch die kühle würzige Morgenluft. Doch bald wird beim Steigen der Sonne die Joppe zu warm: also ausziehen und auf die Lenkstange mit ihr! Nach mehrstündigem Fahren regt sich energisch der Appetit; nun gut, also Frühstückspause! Ob im Wirthshaus, ob im Wald, mir gilt’s gleich; darüber müssen die jeweiligen besonderen Umstände entscheiden. Kaffee verachte ich, und wegen meiner vorsorglich mitgenommenen Nahrungsmittel, die für den ganzen Tag reichen, bin ich vom Gasthaus vollkommen unabhängig.

Nach vielleicht halb oder auch einstündiger Ruhe geht es weiter bis in die Mittagshitze hinein, bis zwölf oder ein Uhr, in folgender Fahrordnung. Nach Zurucklegung von etwa 10 - 20 km, je nach dem Wege, nach Wind und Wetter, also nach jedesmal etwa einstündiger Fahrt heißt es bei mir: „Abgesessen und das Rösslein 5 - 10 Minuten fein geduldig im Schritt geführt!“ Dies

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Verfahren erhält die Glieder geschmeidig, dürfte auch weit gesünder sein als das Ausruhen durch bloßes Stillsitzen oder Liegen. Das Gehen ist mir thatsächlich eine Erholung. Beim Gehen werden ganz andere Muskelgruppen angestrengt als beim Fahren. In dieser Erkenntniss habe ich es auch in früheren Jahren, selbst wenn ich einmal etwas erschöpft erst spät abends mein Ziel erreicht hatte, kaum je versäumt, mich noch durch einen längeren oder kürzeren Spaziergang zu erholen. Die Regel bleibt zu beherzigen: Aus der schnellen Bewegung nie sofort zur vollkommenen Ruhe übergehen! Das wildbewegte Meer glättet sich auch erst langsam nach dem Aufhören des Sturmes; so beruhigt sich auch nur allmählich der durch die fortwährenden Stöße und Erschütterungen aufgeregte Körper.

Die mehrstündige Mittagsruhe, etwa zwischen 1 und 3 Uhr, halte ich, wenn es das Wetter irgend erlaubt, im Freien und zwar wo möglich an einem landschaftlich schönen, aussichtsreichen Punkte oder falls die Straße durch ein reizloses Flachland führt, im Walde. Auf schwellendem Moosteppich, den Rücken gegen einen Baumstamm gelehnt, die Beine weit ausgestreckt, wie ruht es sich da so wohlig unter den schattigen Zweigen an dem murmelnden Quell beim Gesange der Vögel nach dem frugalen Mahl, zu dem vielleicht der Wald selbst mit seinen Beeren oder Nüssen noch ein allzeit erwünschtes Extragericht hergab. Wie viel schöner und erquicklicher ist doch diese Ruhe als jene an der Gasttafel oder in der Sofaecke bei Bierdunst und Tabaksqualm. Geradezu ängstlich mied ich von jeher auf meinen Radreisen die Genüsse der Gasttafel. Dass mir, der ich seit fast sechs Jahren vegetarisch lebe, der dort gebotene Schmaus jetzt geradezu widersteht, dürfte verständlich sein; aber auch früher, als ich noch „im Banne des Fleisches“ lebte, suchte ich um die Mittagszeit nur ungern und ausnahmsweise ein Gasthaus auf. Denn von dem unverhältnissmässigen Opfer an Zeit und Geld und Bequemlichkeit — man muss doch einigermaßen Toilette machen! — ganz abgesehen, fand ich bald heraus, dass wie es heißt: „Ein voller Bauch studiert nicht gern“, mit gleichem Rechte

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sich sagen lässt: „Ein voller Magen fährt nicht gern“. Eine reichliche und üppige Mittagsmahlzeit beeinträchtigt ganz bedeutend den Genuss des Fahrens und die Leistungsfähigkeit des Fahrers.

Zu dem ist eine Hauptmahlzeit des Tages genug, und der Wanderer thut immer gut daran, diese da einzunehmen, wo er schließlich sein Haupt zur Nachtruhe niederlegt. Wer sich das zum Grundsatz macht, der sorgt auch dafür, dass er frühzeitig ins Quartier kommt, und daraus erwächst ihm wieder der an sich freilich nebensächliche Vortheil, dass er keine Laterne mitzuführen braucht. Bei längeren Reisen lasse ich sie grundsätzlich zu Hause und wie ich ausdrücklich bemerken will, ich habe dies noch nie bereut. Selbst, wenn man wirklich einmal von der Nacht überrascht werden sollte, so ist doch sogar die schwärzeste Finsternis nicht so arg, dass man nicht imstande wäre die Mitte der Landstraße inne zu halten. Grosse Städte aber, wo der Mangel einer Laterne empfindlich werden möchte, betrete ich absichtlich nie nach Eintritt der Dunkelheit; das hat immer etwas Missliches, namentlich, wenn man dort nicht genau bekannt ist¹. Große Städte wähle ich überhaupt nicht zum Nachtquartier, es sei denn, dass ich dort einen oder mehrere Ruhetage zu machen gedenke. Sonst ziehe ich die kleinen Städte hierzu vor. Auch in den Dörfern habe ich oft schon recht nette, saubere und einladende Wirthshäuser gefunden, in denen der Einkehrende nicht wie in den Großstadthotels als blose Nummer und Ausbeutungsobjekt betrachtet, auch nicht von einer Schaar befrackter und trinkgeldgieriger Kellner oder sonstiger dienstbeflissener Geister umschwärmt, sondern vom biederen Wirth und der braven Wirthin mit wohlthuender Freundlichkeit aufgenommen und mit manchmal fast rührender Zuvorkommenheit behandelt wird.

Nach dem Eintreffen im Quartier beobachte ich folgendes Verfahren. Das Rad nehme ich mit auf meine Stube. Hier treffe ich die etwa nöthigen Anordnungen zur Herrichtung meines einfachen Nachtlagers. Zuweilen sind ganze Berge von Betten und Kissen zu entfernen, meist muss ich mir eine Schlafdecke und fast immer

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¹ Anm. b-r-m; ich vermuthe hier ist gemeinth: wenn man sich dort nicht genau auskennt
¿ irgendwo bekannt sein ~ sich irgendwo auskennen ?
Vor 120 Jahren wurde manches noch anders ausgedrückt als heute.

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ein hartes federloses Kopfkissen erbitten. In die Gaststube zurückgekehrt bestelle ich mir ein reichliches und tüchtiges Abendessen. Bis zu dessen Herstellung schlendere ich, vielleicht zur Besichtigung des Ortes, vielleicht in dem Hausgarten, gemächlich umher. Nachvölliger Abkühlung kleide ich mich gänzlich um, das gebrauchte Hemd wird ins geöffnete Fenster gehängt, wo es die ganze Nachtdurch verbleibt; dann wasche ich mich, ziehe die Hausschuhe an und begebe mich, schon bedeutend erfrischt und erquickt, an das inzwischen womöglich im Freien aufgetragene Mahl.

Was hat aber der Vegetarier in unsern Gasthäusern für Auswahl? Doch bei einiger Findigkeit mehr, als man erwartet. Eine Menge von Milch- und Wasser-, von Obst- und Kräutersuppen, auch Kalteschalen, ferner alle Gemüse, Kompots und mancherlei Salate, viele Milch-, Mehl- und Eierspeisen und dazu das ganze Heer der Früchte gestalten mir auch in den einfachsten Häusern die Abendmahlzeit abwechselungs- und genussreich. Auf dem Lande, wo ja nicht immer frisches Fleisch zur Hand ist, sind die Wirthsleute oft sogar recht froh, wenn der verwöhnte Stadtherr so anspruchslos ist, auf ein Fleischgericht zu verzichten. Meine Speisefolge ist also z. B. folgende: eine Schale dicke oder saure Milch mit Brot, sonst eine Suppe oder Kalteschale; darauf etwa Bratkartoffeln mit Rührei und Kopfsalat, oder Reis mit Apfelmus, Eierkuchen mit Kompott, auch wohl einfach Pellkartoffeln mit frischer Butter und Quark; zum Schlusse Blaubeeren oder Erdbeeren in Milch oder was sonst an frischen Früchten aufzutreiben ist. Gemüse wird man der umständlichen Zubereitung wegen nur ausnahmsweise fordern, es sei denn, dass man mit Büchsengemüse zufrieden ist. Junge Erbsen, grüne Bohnen und Spargel in Dosen findet man jetzt auch schon oft auf dem Lande. Wer der guten Wirthin die Arbeit erleichtern und doch nicht auf eine gute Suppe verzichten will, der liefert aus seiner Rahmentasche eine Hohenlohosche vegetarische Suppentafel in die Küche.

Getränke nehme ich während dieser Mahlzeit nicht zu mir. Einige Zeit nachher, wenn ich mich, wie ich es liebe, der Unter-

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Haltung mit dem Wirth oder den Gästen in behaglicher Stimmung hingebe, geniesse ich nach Gutdünken Milch oder Buttermilch, Limonade oder Selters. Jedenfalls werden, wie ich mit Vergnügen beobachtet habe, alkoholfreie Getränke von unsem Sportsgenossen mehr und mehr bevorzugt, nur dass das Märlein von dem wärmenden und Erkältung verhütenden Magenschnäpschen noch nicht recht aus den Köpfen schwinden will. Die intelligenten Wirthe unserer Radfahrer-Hotels, die auch ich natürlich wo ich die Wahl habe, unbedenklich vorziehe, werden daher meines Erachtens wohl thun, die alkoholfreien Getränke z. B. Amplosia, Frada, Euphrosia oder wie sie sonst mehr hochtrabend als volksverständlich heißen mögen, in ihrem Keller aufzunehmen. Wir wissen auch ganz genau, warum wir auf der Fahrt die Gaben des Bacchus und Gambrinus gering achten. Gewiss, es sind mächtige Götter diese beiden, nur schade, eins vermögen sie bei all ihrer Macht nicht, nämlich den Durst zu besiegen. Und eine wiederholte Erfahrung lehrt uns auch bald, dass es nicht möglich ist, dem Bacchus und Gambrinus reichliche Spenden und Opfer zu bringen, ohne an froher und williger Kraftentfaltung einzubüßen. Weil uns beide Götter aber so mit schnödem Undank lohnen, was Wunder, dass wir uns endlich missmuthig ganz von ihrem Götzendienst abwenden und uns milderen, besseren und edleren Gottheiten zukehren, der Ceres etwa und der Pomona!

Zu dieser naturgemäßen Lebensweise hat mich das Radfahren allmählich hingeleitet, und ich möchte glauben, dass es auch anderen diesen Dienst geleistet hat und leisten wird. So viel wenigstens steht fest, nicht blos der Alkoholverbrauch wird durch unseren Sport eingeschränkt, auch der Tabaksgenuss. Schon kann man von Zeit zu Zeit die rührendsten Klagen der Cigarrenproducenten und -Händler lesen, dass allein infolge unseres verderblichen Sports so und so viel Millionen jährlich weniger verraucht werden. In der That ist ja das Rauchen während der Fahrt mit Recht verpönt; es muss um so schädlicher sein, je angestrengter die Lunge arbeitet, und je tiefer bei dem energischen Athmen der Rauch in sie eindringt. Sehr verständiger Weise schließen darum jetzt wohl auch die meisten

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Fahrordnungen unserer Vereine das Rauchen ausdrücklich aus. Aber auch ohne solche Vorschrift und solchen äußeren Zwang kommt man bald dahinter, dass sich genussreiches Rauchen und kräftiges Fahren ungefähr ebenso gut miteinander vertragen, wie Feuer und Wasser. Auch ich verdanke die Befreiung von dieser Leidenschaft, der ich von jung an übermäßig fröhnte, zum guten Theil meinem Rover, der mich bessere Genüsse kennen lehrte.

In den vorstehenden Ausführungen schwebte mir als Reisetag ein heißer Sommertag vor. Trotzdem findet sich keine Auskunft darüber, wie ich den Durst bekämpfe. Das ist bald nachgeholt. Meine ganze einfache Lebensweise bringt es so mit sich, dass mir der Durst, der mir anfänglich der ärgste Feind war, kaum noch etwas anhaben kann. Mit Vorliebe lasse ich mich von der brennenden Julisonne durchglühen, ohne dass ich mich zum Trinken gezwungen sehe. Den Durst beseitigen mir die mitgenommenen Früchte und nur selten fühle ich mich veranlasst von meinem Trinkbecher an irgend einer Quelle oder einem Brunnen Gebrauch zu machen. Im vorigen Jahre haben sich, beiläufig bemerkt, die Papierbecher, wie man deren für 10 Pfennig 2 Stück kauft, mir wenigstens als leicht, bequem und praktisch vollkommen bewährt. In das Wasser gieße ich etwas Citrononsaft. Hierdurch erreiche ich zweierlei: das so angesäuerte Wasser stillt den Durst gründlicher und nachhaltiger, es hält aber auch durch seinen Geschmack von dem Fehler des zu vielen Trinkens ab, das nur erschlaffend wirkt.

Ich stehe am Ende meiner anspruchslosen Plauderei: In der skizzierten Weise habe ich viele und zum Theil mehrwöchige Wanderfahrten unternommen zu jeder Jahreszeit, versteht sich mit sinngemäßen Abänderungen, selbst in den Weihnachtsferien. Die von mir befolgte Lebensweise verlieh meinem Körper bisher eine feste Gesundheit, die aller Unbilden der Witterung spottet, und eine ausdauernde Kraft, die sich an der Überwindung von Hindernissen und an Strapazen erfreut. Trotzdem behaupte ich nicht, meine Lebensweise ist die einzig richtige oder die naturgemäße schlecht-

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hin. Sie ist nur eine naturgemäße, naturgemäßer jedenfalls, das ist allerdings meine aufrichtige Überzeugang, als die landläufige mit ihrer blutigen Diät, ihrem Alkohol- und Nikotingenuss. Die beiden letzteren Genüsse hat das Fahrrad schon bei seinen Verehrern eingeschränkt und dadurch einer naturgemäßen Lebensweise in weiten Kreisen Bahn gebrochen. Sollte es nicht auch im Interesse der Radfahrer liegen, aus rein praktischen Rücksichten, aus Rücksichten z. B. der Einfachheit, der Bequemlichkeit, der Billigkeit, der Gesundheit und der Leistungsfähigkeit, denn schon sind Sportssiege von Vegetariern nichts Seltenes mehr — ich frage nochmals: sollte es nicht auch im Interesse der Radfahrer liegen, schon aus rein praktischen Rücksichten, von sittlichen Gründen ganz zu geschweigen, dem Vegetarismus etwas mehr Beachtung zu schenken? Nur am eigenen Körper angestellte und zwar vorurtheilsfrei, mit Vorsicht und Überlegung angestellte Versuche, geben das Recht über den Werth oder Unwerth des Vegetarismus abzuurtheilen. Zu solchen Versuchen aber bietet das Fahrrad, das uns so bald aus der gewohnten Umgebung und dem Zwange der alltäglichen Verhältnisse hinaus zu führen vermag, namentlich auf längeren Wanderfahrten die schönste Gelegenheit.

Darauf hinzuweisen und dadurch vielleicht einen oder den andern der Leser zu solcher Nachprüfung anzuregen, das ist der Zweck, den ich verfolgt habe. Wer berichtet uns im nächsten Jahrbuche von dem Ergebniss seiner diesbezüglichen Versuche?

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dedieter

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Eine Zeitreise... (die Älteren erinnern sich) :D

Vielen Dank dafür b-r-m

Gruß Didi
 
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